Bild-Zeitung, 1968

“Terror in Berlin”: Bild Berlin über die “Osterunruhen” 1968 nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke

Der Vietcong-Kongress, die Osterunruhen in Folge des Attentats auf Rudi Dutschke: West-Berlin stand 1968 im Zentrum der „angelesenen Revolution“ (Günter Grass) gegen das Establishment. Wie regierten die Zeitungen in diesem Hotspot des Kalten Krieges auf das Aufbegehren – nicht immer so, wie man denken sollte.

Berlin. Aus der von Hitler anvisierten Welthauptstadt Germania wurde nach 1945 ein Symbol für den Zustand der Welt im Kalten Krieg. Die gevierteilte Stadt war nach 1945 mehr Wille und Vorstellung als politisches Subjekt, ein politisch-ideologisches Kuriosum. Durch Berlin ging der Riss der Welt, würde der Dichter dramatisch dichten. Und diese ideologische Spaltung spiegelte sich immer in seinen Medien wider. Lange vor dem Bau der Mauer vergruben sich die Presseorgane in West- und Ostteil der Stadt in die ideologischen Schützengräben.

Presse im Nachkriegsberlin

Auf der einen Seite Ost-Berlin, seit 1949 offiziell „Hauptstadt der DDR“, in der die Medien staatlich von oben gelenkt wurden und die SED-Ideologie politische Richtschnur für die Einordnung der öffentlichen Dinge war, wenn sie auch in den verschiedenen Publikationen angepasst an die jeweilige Zielgruppe unterschiedlich akzentuiert wurde.

Auf der anderen Seite West-Berlin, eng an die Bundesrepublik Deutschland gebunden, aber die bekannte „eigenständige politische Einheit“, militärisch gesichert durch die West-Alliierten, eine Insel im roten Meer, deren Presselandschaft sich nach Typus und Zielgruppe durchaus ausdifferenzierte, aber inhaltlich – logistisch fast folgerichtig – eine antikommunistische Bunkermentalität entwickelte. Mit der „Bild“-Zeitung, der BZ (nach 1953), bis heute „Berlins größten Zeitung“, und der „Berliner Morgenpost“ bestimmte der Axel-Springer-Verlag lange Zeit fast monopolartig den West-Berliner Zeitungsmarkt. Nur die West-Berliner Vorzeigezeitung, der genuin liberale „Tagesspiegel“, agierte in den 1960er-Jahren konzernunabhängig.  Doch egal ob es reißerisch wie in der „BZ“ oder mit mehr intellektuellem Anspruch wie im “Tagesspiegel” – bis weit in die 1960er-Jahre waren sich alle Zeitungen einig in ihrem Kampf gegen das „Regime von Pankow“, gegen das „Konzentrationslager“ der Sowjetzone. Wie reagierten die West-Berliner-Medien, als plötzlich 1968 unter dem Eindruck der Notstandsgesetzgebung und des Vietnam-Krieges Teile der rebellischen Jugend ihre Vorliebe für kommunistische Ideen und Staatsführer entdeckte? Wie ging die eingemauerte politisch-publizistische Halb-Stadt-Elite, die nicht zum westdeutschen „Rheinbund“ (West-Berliner Bürgermeister Albertz) gehörte und ökonomisch, politisch und militärisch vom Goodwill von außen abhängig war, mit den politisch nicht korrekten Provokationen um?  



Die Hauptstadt der Revolte – Die Ermordung von Benno Ohnesorg – Presse als Kampfmittel

Der tödliche Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg während der Anti-Schah-Demonstrationen bei der Deutschen Oper am 2. Juni 1967 ließ die schon lange aufmüpfige akademische Jugend weiter radikalisieren. Zumal der Regierende Bürgermeister die Tragweite der Tat nicht erkennen wollte; auch die Polizeiführung vertuschte in der skandalöser Weise, wie heute bekannt ist. Die Obrigkeit schob den Studenten einseitig die Schuld an der Eskalation in die Schuhe. Die Zeitungen bliesen in dasselbe Horn. Die „Berliner Morgenpost“ glaubte ihrerseits am 4. Juni Zeugen „hysterische[r] Rudeln akademischer Halbstarker“ gewesen zu sein. Bild titelte am 6. Juni in wahrheitswidriger Pauschalisierung: „Studenten drohen: Wir schießen zurück“.

Die schrecklichen Ereignisse schienen die luftigen Revolutionstheorien der linken Wortführer unter den Studierenden zu bestätigen, die sich zunehmend im Kampf mit einem neuen „Faschismus“ glaubten. Spiritus rector war Rudi Dutschke, ein unkonventioneller Linksutopist, Ex-DDR-Bürger, der das SED-Regime strikt ablehnte, am Tag des Mauerbaus 1961 aus der DDR floh und im West-Berliner Notaufnahmelager Marienfelde Aufnahme fand. Und doch glaubte er  in Abgrenzung zu den Ostblock-Regimen an die Machbarkeit des „echten“ Sozialismus. Dass sich der atemlos agitierende Soziologe Rudi Dutschke von seinen Anhängern als „Studentenführer“ feiern ließ, ausdrücklich einen „Machtergreifungsplan“ verfolgte und sich so teilweise unreflektiert einschlägigem Nazi-Vokabular bediente, schien nur wenige zu stören, wohl auch nur wenigen aufzufallen. Man muss nicht Götz Alys provokativen Thesen über die Ähnlichkeiten zwischen der 33- und der 68er-Generation komplett folgen („Unser Kampf“), um in diesem rhetorischen Zusammenhang einen doch sehr irritierenden Widerspruch des “antifaschistischen Kampfs” zu sehen, gerade wenn man weiß, wie der radikale Flügel des Protests später in den Terrorismus abdriftete.  Aber zurück in die 1967-Jahren, als in Berlin die Selbstgerechtigkeit der offiziellen Politik nur sehr, sehr langsam überwunden wurde.

Konfrontation West-Berliner Politik – Studentenschaft

Denn wenn auch der Bürgermeister Albertz, ein evangelischer Pastor, später Einsicht über die Geschehnisse am 2. Juni 1967 zeigte und nach langen parteiinternen Machtkämpfen im September 1967 zurücktrat – an der Konfrontation zwischen SPD-Stadtregierung und linker Jugend änderte sich auch unter dem neuen Bürgermeister Schütz nichts. Die politische Stimmung in der Halbstadt blieb auf beiden Seiten gereizt. Während Dutschke von der Umwandlung West-Berlins in ein großes sozialistisches Laboratorium träumte, wurden  er und „seine Bande“ in der breiten Bevölkerung zum „Volksfeind Nr.1“. Als Agenten und Spiegel dieser Polarisierungen fungierten die West-Berliner-Zeitungen, und  vor allem die Boulevardmedien aus dem Haus Springer. Diese verbanden in ihrer Berichterstattung die  linksutopistischen Befreiungsparolen des SDS geschickt mit den realen antikommunistischen Ängsten vor dem  real-sozialistischen Alptraum vor der Haustür. Únd tatsächlich gingen Dutschke Freunde zumindest vordergründig ideele Allianzen mit den Gegnern der USA ein.

Tagesspiegel

Tagesspiegel am 17.02.1968

Die Zeitungen und der Vietcong-Kongress in der TU Berlin

Eine erneute Bewährungsprobe stand West-Berlin im Februar 1968 bevor, als der SDS zu einem großen internationalen Anti-Vietnamkriegs-Kongress in die Technische Universität Berlin lud. Kurz zuvor im Januar hatte der Vietcong eine Offensive gegen den massiv von den US-Streitkräften unterstützten südvietnamesischen Teilstaat eingeleitet. Der von den USA immer grausamer geführte Krieg in Vietnam war unter der rebellischen Jugend weltweit zum Symbol für die Bigotterie der westlichen Führungsmacht geworden. Doch ausgerechnet in der bedrängten Halbstadt, die es nur dank der US-amerikanischen Schutzmacht überhaupt noch gab, gegen den „US-Imperialismus“ zu demonstrieren und die Parole zu feiern: „Es siege die vietnamische Revolution! Es siege die sozialistische Weltrevolution!“, war eine Provokation – für die Mehrheit der Bevölkerung und für die gesamte veröffentlichte Meinung. Der bedächtig-bürgerliche „Tagesspiegel“ blieb zumindest stilistisch die Ausnahme, indem er die revolutionäre Sprache der Studenten nicht skandalisierte, sondern als Aufschrei für mehr Demokratie im Kern wohl richtig verstand. Die studentische Aktion wurde auf ihre akademische Fragwürdigkeit heruntergebrochen. So berichtet  der “Tagesspiegel” am Vortag des Kongresses  von einer Analyse der FU Berlin und lässt so Professoren ihr abwägend negatives Urteil sprechen:

„Die Verfasser der Analyse gehen von der Haltung der jungen Generation aus, die rechtens eine weitere Demokratisierung unser Gesellschaft anstrebe, um sie gegen ein neuerliches Verfallen in Radikalismus und Fanatismus zu immunisieren. Die Jugend erlebe den tragischen Konflikt zwischen Politik und Moral, lehne hier Kompromisse ab, und so werde ‚die Haltung gegenüber dem Krieg in Vietnam für viele junge Menschen zum entscheidenden Kriterium für ihr Urteil über den Wert der Demokratie und demokratischer Politik‘. Das Unbehagen über den Abstand zwischen Demokratie und Humanität machen sich nun (…) Gruppen zu Nutze, um antiparlamentarische Vorstellungen zu verbreiten. (…) Die von den neomarxistischen Gruppen angestrebte plebiszitäre Demokratie können nur durch die gewaltsame Beseitigung der Verfassung beseitigt werden. ‚Die Vietnam-Demonstrationen sollen, indem sie Gewalt ablehnen, neue Gewalt provozieren.‘ Es sei daher damit zu rechnen, dass auch künftig gewaltsame Zusammenstöße herausgefordert würden, um die liberale Haltung der Demokratie unglaubwürdig zu machen: ‚Indem man angeblich gegen die unmenschliche und undemokratische Gewalt in Vietnam demonstriert, wird und will man die gewaltsame Form politischer Auseinandersetzungen in das deutsche öffentliche Leben einführen.‘“  (Tagesspiegel, 17.02.1968)



„Terror“, aber auch Mitgefühl für Dutschke: Die Unruhen auf dem Boulevard

Die Berichterstattung in den Boulevard-Zeitungen des Springer-Konzerns war selbstredend wesentlich anders. BILD und BZ ergriffen massiv und polemisch Partei gegen die Rebellen, waren aber in ihrer Formulierungen allgemein vorsichtiger nach den  Ereignissen im Jahr 1967, zumal die Bevölkerung nicht mehr „agitiert“ werden musste. Aggressive Sprache gegen die Protestierenden war normal geworden und allgemein akzeptiert. Von „Spinnern und Außenseitern“ war immer wieder die Rede, wenn dabei auch oft auf Zitate von Passanten bzw. auch Politikern zurückgegriffen wurde.

Die Sprache verschärfte sich erneut, als die Proteste am Osterwochenende nach dem Dutschke-Attentat am 11. April 1968 eskalierten und es vor allem in West-Berlin zu Straßenschlachten kamen. „Terror auf den Straßen“, titelte die BILD am 13. April 1968. Dass die BILD wegen ihrer polemischen Berichterstattung selbst zur zentralen Zielscheibe der Protestler geworden war – kein Wort war im Blatt zu finden. Stattdessen Auge um Auge, Zahn um Zahn:   „Sagt nicht Studenten – es sind Berufsrevolutionäre“, heißt es im BILD-Leitartikel am 18. April erbost. „Die Mehrheit der deutschen Studenten will lernen und nicht zerstören. Die Mehrheit der Studenten will eine bessere Universität und keinen Terror auf der Straße.“ Was aber nur wenige wissen: Die BILD war offen entsetzt über das Attentat auf „Berufsrevolutionär“ Dutschke. Detailliert widmeten sich Redakteure den Umständen des Geschehens am 11. April – ohne Zweideutigkeiten. „Millionen bangten mit“ – Dutschke, war sich BILD am 13. April 1968 sicher.  

BILD als „Arbeiterzeitung“

Der Boulevard und vor allem die BILD inszenierte sich bewusst als Sprachrohr der normalen, Mehrheitsbevölkerung, die sich zu Recht gegen einige weltfremde Akademiker wehren würde, denen es nur um Randale an sich ginge. „Arbeiter holten rote Fahne vom Kran“, lautete am 19. Februar beispielsweise eine Schlagzeile. BILD steht auf der Seite der einfachen Bürger auf der Straße, lautete die Botschaft, die auch die SPD-Stadtregierung mehrheitlich teilte. „Sie wollen unsere Stadt in Unordnung bringen“, wird in derselben Ausgabe der SPD-Bürgermeister Schütz zitiert.  Man darf nicht vergessen, dass auch die demokratische Linke in der Frage der Beurteilung der aufständischen Jugend zutiefst zerstritten war.  „Will Peter Brandt seinen Vater stürzen“, fragte am 18. April die BILD ironisch auf Seite 1 und personifizierte damit prominent den Riss, der durch viele deutsche Familien ging, insbesondere auch durch sozialdemokratisch geprägte.



Die Aufarbeitung beginnt erst

Das sind alles erste Thesen bzw. Schlaglichter. Springer-Chef Döpfner hat sich schon vor langer Zeit für einige journalistische Fehler im Zuge der Eskalation im Jahre 1968 öffentlich entschuldigt. Die differenzierte Aufbereitung der Rolle des Journalismus in dieser aufregenden Episode der jüngeren deutschen Zeitgeschichte steckt noch in den Kinderschuhen. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ohne Schaum vor dem Mund „1968“ auch in publizistischer Hinsicht wirklich historisiert werden kann. Der Springer-Verlag selbst hat ein Medienarchiv68 eingerichtet, das allen die digitale Recherche in  allen relevanten Tageszeitungen der damaligen Zeit ermöglicht.

 

Weiterführende Literatur bzw. Hintergrundliteratur u.a.:

– Wilfried Rott, Die Insel – eine Geschichte West-Berlins 1948-1990, München: C.H.Beck 2009.
– Berlin 1968 – Berliner Geschichte – Zeitschrift für Geschichte und Kultur Ausgabe 11, hg. von den Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins e.V., Berlin 2017.

 

Buchpublikationen des Autors zum Thema: (verlinkt zum Autorenshop der Autorenwelt)

Cover “Image”, Copyright: Theiss-Verlag

 

Marx Nachkriegspresse Berlin

Cover-Bild “Politische Presse im Nachkriegsberlin”

 

Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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