Bond und Swann sitzen im Zug in Spectre

Spectre © 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

Tiefgründig und glitzernd; eskapistisch und politisch; modern und retro: „Spectre“ ist ein Bond, der alle Facetten des Bonduniversums miteinander versöhnen will. Eine Herkulesaufgabe, an der der Film nur scheitern kann – aber das auf eine spektakuläre kurzweilige Art und Weise. Eine Erstbetrachtung.

Nostalgisch schon der Anfang. Die von Maurice Binder erfundene Gunbarrelsequenz setzt die Vorzeichen für den Film. Klassisch im Stil der 1960er-Bonds gehalten, wandern die weißen Kugeln wieder links von der Leinwand nach rechts und verwandeln sich in einen Pistolenlauf. Wir blicken auf Daniel Craig, der wie alle fünf Vorgänger scharf zielt und trifft. Die Leinwand verwandelt sich blutrot. Doch statt einem Bild ein Schriftzug. Das ist neu. Hoppla. Die Toten leben noch, steht da. Das Motiv des Filmes, das den ganzen Film auf allen Ebenen durchzieht. Die Vergangenheit, die nicht vergehen will und auch nicht vergehen darf. Die Gespenster sind immer da. Sie holt Bond in diesem Film immer wieder ein – die Vergangenheit, die eigene und seine filmische. Mit der Tradition als Zitatenschatz im Gewand der Moderne spielen. Das war Auftrag und Ziel der Macher.

Bring back the good old days
Und tatsächlich: Ein Fest für die Fans ist dieser Film, der das Publikum über Mexiko-City, Rom, Österreich, Marokko schließlich in die Wüsteneinöde im heißen Nirgendwo am Ende der Welt entführt. Spektakuläre Actionszenen in der Luft und im Zuge rauben dem Zuschauer den Atem. Wäre der Film ein Text, wäre er voller Fußnoten mit Quellenverweisen. Die Jacke Blofelds, klar Dr. No, die Tafelrunde der Gangster und der Oberböse Blofeld im Schatten, ja, ach Feuerball, die Klinik oben am Alpengipfel, klar Geheimdienst, und dann der Krater in der Wüste, logisch „Man lebt nur zweimal“ oder auch „Quantum Trost“; dazu sind die Dialoge manchmal fast wörtlich aus alten Bondstreifen übernommen, dazu überlebensgroße Grobiane, die erledigt werden, um dann mit dem Mädchen in die Kiste zu steigen. Klassischer geht es nicht. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen; fast jede Szene ein Deja-vu. Die Macher haben die Gelegenheit, wieder mit der Uraltmafiaorganisation Spectre und Blofeld spielen zu können, ausgiebig genutzt, um fast die ganzen 50 Jahre Bondgeschichte quasi ultimativ einzubauen. Auch inhaltlich werden Bezüge aus den letzten drei Filmen aufgenommen und aufgelöst, die Bösewichte einfach zu Handlagern von SPECTRE erklärt. Das ist alles nicht logisch, aber das war schon immer nachrangig bei Bond. Herrlich für die Eingeweihten. Aber sonst? Sehr viel – zu viel.

Oberflächliche Tiefe

Auch weil Bond eben nicht mehr Roger Moore spielt, Q eben nicht mehr Desmond Llewelyn, M nicht mehr Bernhard Lee, sondern Schauspielgrößen wie Daniel Craig oder Ralph Fiennes an Bord sind und der Regisseur nicht mehr ein „ehrlicher Arbeiter im EON-Weinberg“, sondern ein oscarprämierter Autorenfilmer ist, bekommen die alten Figuren im Bonduniversum menschliche Tiefe, die so gar nicht zu den surrealen Popcorn-Szenarien passt. Werden familiäre Bezüge hergestellt, um Handlungsmotivationen zu eruieren. Wir sehen dann Bond etwa in seinem Wohnzimmer sitzen, wie er im Morgenrock Fotoalben durchblättert. Erfahren, dass ihn mit dem bösen Katzenfreund auch enge emotionale Erinnerungen verbinden. Sehen zu, wie ein kleiner bad guy Bond beauftragt, seine Tochter zu schützen, die ihn dann zu seinem noch böseren Stiefbruder führt. Überall werden Dramaelemente eingebaut, die aber in keiner Weise genutzt und weiterverfolgt werden.
Ähnlich inkonsequent auch der politisch hochbrisante Handlungsstrang, der von den totalitären Folgen einer Totalüberwachung warnt. Dass Bond nicht mehr nur einfach für das Gute arbeitet, weil das Böse sich im Guten schon so eingenistet hat, dass es nur im internen Kampf zu sichern ist. Dass sein Arbeitergeber auch ähnlich wie Spectre einer krakenähnlichen Mafia gleicht, die grenzenlose Macht- und Kontrollbefugnis leichter denn je mit der Angst der Bevölkerung erkauft. Das ist alles ist interessant und hochmodern, bleibt aber Fassade und spielt letztlich für den Film überhaupt keine Rolle.

Totenfest in Mexiko-City

Die Toten sind unter uns – © 2015 Sony Pictures Releasing GmbH

Postmodernes Patchwork
Tradition, Spektakel, Tiefe und Relevanz –Regisseur Sam Mendes, der schon „Skyfall“ verantwortete, wollte in guter alter Bondtradition alles. Doch in diesem Fall wäre weniger mehr gewesen. Trotz Rekordlänge blieb vieles inhaltlich Gewollte Stückwerk, Andeutung und Behauptung. Substanz bleibt die Überwältigung, das Spektakel. Eine Aneinanderreihung von Varietenummern, die allein oft glänzend unterhalten, aber in der Gesamtschau auseinanderfallen, weil ein klarer Faden, eine klare Entscheidung fällt. Großdimensioniertes Unterhaltungskino als postmodernes Patchwork. Und damit ist der Film vielleicht doch genau auf der Höhe der Zeit. Und das ist immer noch das größte Kompliment, das man einem Bondfilm machen kann.

Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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