Porträt von Hegel

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, porträtiert von Jakob Schlesinger, 1831, wikimedia

Der Schwabe Georg Wilhelm Hegel war der letzte große Großphilosoph, der die gesamte Wirklichkeit in ein umfassendes vernünftiges metaphysisches System fassen wollte. Und so unklar, dass Revolutionäre und Reaktionäre sein Denken für ihre politische Ziele in Haftung nahmen. Wegweisend seine Methode der Dialektik, die Überwindung der Gegensätze, wie er sie in der Liebe entdeckte.

Seine Philosophie war nicht gerade volkstümlich, eher dunkel und rätselhaft; auch seine Vorlesungen waren keine rhetorischen Feuerwerke, sondern eher Veranstaltungen, bei denen die Schüler dem schwäbelnden Meister beim mühsamen Denken beobachten konnten, wie einer von ihnen später zu Papier brachte. Und doch waren sie alle vom berühmten kauzigen Philosophieprofessor fasziniert, wie er „abgespannt, grämlich mit niedergebücktem Kopf in sich zusammengefallen“ an seinem Pult saß und „immer fortsprechend in den langen Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben“ blätterte und suchte. Das stete Räuspern und Husten störte allen Fluss der Rede; jedes Wort, jede Silbe löste sich nur widerwillig los, als sei jedes das Wichtige, einen wundersam gründlichen Nachdruck zu erhalten.“

Wie kaum ein anderer deutscher Denker verkörperte Hegel in seiner Person und in seinem Werk das Klischee vom tiefsinnigen Deutschen, der das Dasein und das Leben in seiner ganzen Tiefe und Schwere erfassen und begreifen wollte. Bereits als Schüler sinnierte er ernsthaft über die großen Fragen des Lebens. Er füllte sein Tagebuch mit altklugen Bemerkungen zu fast allen Themen zwischen Himmel und Erde, z.B. über Wissenschaften, Glück, Gott oder die Weltgeschichte. Auch den schädlichen „Charakter des weiblichen Geschlechts“ glaubte er, schon im zarten Jünglingsalter erkannt zu haben. Es war kaum verwunderlich, dass seine Studienkollegen ihm schnell einen leicht spöttischen Spitznamen verpassten : nämlich „alter Mann“.

Dem Weltgeist auf der Spur

Hegels persönliche Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit schlugen sich auch in seinem umfangreichen Oeuvre wieder, das sich thematisch eigentlich in erster Linie mit Rechts-, Natur- und Geschichtsphilosophie auseinandersetzte, aber nichts weniger vorhatte, als die bisherigen Gedanken der Philosophie zu einer klaren Gesamtheit zusammenzuführen. Er glaubte in der Tradition Platons an die Wirksamkeit von strukturierenden Ideen, die der sichtbaren Wirklichkeit zugrundeliegen und die mit Logik und Vernunft erkannt werden können. Mit seiner spekulativen Philosophie des Geistes glaubte er, das Ganze, das „Absolute“, den die ganze Wirklichkeit durchdringenden „objektiven Geist“ erfassen zu können.

Wohl die wenigsten seiner Schüler durchschauten Hegels kompliziertes Gedankenkonstrukt in Gänze, doch kalt ließ die „groteske Felsenmelodie“ Hegels, wie Heinrich Heine sich ausdrückte, kaum einen. Bis heute gibt es zahllose Schriften über Hegel, finden wissenschaftliche Fachkongresse in aller Welt statt. Über Hegel wird immer noch in allen Richtungen debattiert. Schon zu Lebzeiten Hegels entwickelten sich unterschiedliche Schulen, die je nach politischer Ausrichtung Hegel in ihrem Sinn interpretierten. Konservative beriefen sich vor allem auf seine Verteidigung des Istzustandes („Was wirklich ist, ist vernünftig“) und auf seine Verherrlichung der modernen Staatsorganisation, die er zur Instanz der „absoluten Freiheit“ erhob. Revolutionäre verwiesen auf seine Vorstellung von der Geschichte als einem dauernden Prozess zu etwas Höherem bzw. in seinen Worten: als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Eine Idee, die insbesondere die Geschichtsphilosophie von Karl Marx maßgeblich beeinflusste.

Die Entdeckung der Dialektik durch die Liebe

Dieser übernahm auch Hegels zentrale Methode zur Erkenntnisgewinnung: die Dialektik. Alle Vorgänge in der Welt lassen sich danach durch den dialektischen Dreisprung – Thesis, Antithesis, Synthesis – begreifen. Dialektik war für Hegel das wesentliche Strukturelement der Wirklichkeit. Das entdeckte Hegel auf einem Gebiet, das man nicht unbedingt als zentrale Kompetenz Hegels vermuten konnte: der Liebe nämlich. Erst zwischen dem Liebenden und dem Geliebten kommt eine wahrhafte Synthesis zustande, war er sich sicher. Denn „das wahrhafte Wesen der Liebe besteht darin, sich in einem anderen Selbst zu vergessen, doch in diesem Vergessen sich erst selbst zu haben und zu besitzen“.

Literaturhinweis: 

Wilhelm Weischedel – Die philosophische Hintertreppe, München: dtv 2005.
Herbert Schnädelbach, Georg Wilhelm Friedrich Hegel zur Einführung, Hamburg: Junius 2013.

Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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