Historiker Christoph Marx

Redaktion, Lektorat, Wissenschaft, Geschichte, Kultur und Sport aus Berlin

Wie Ost-Berlin 1990 wirklich aussah

Ostberlin

Ostberlin – kalt, grau und werbefrei

Vor 25 Jahren ging die DDR unter. Wie Ost-Berlin aussah, ist heute fast vergessen.  Mit Techno untermalte Originalaufnahmen von 1990 aus einer Straßenbahn hinaus lassen einen hautnah und authentisch durch die letzten Wintertage der untergehenden DDR-Metropole gleiten. Ein faszinierendes Zeitdokument erster Güte und nebenbei große Kunst!  

Shot in 1990 by Stefan Münster on Video 8
Edit by Phillip Sollmann 2014
Track taken from DECAY
artinlandscape.com

Ost-Berlin vor 24 Jahren. Im historischen Einheitsjahr 1990. Acht Tage war das Jahr erst alt. Ein grauer kalter Wintertag. Man sieht eine alte DDR-Trambahn vor einer grauen Trabantensiedlung, die Erde in Falkenberg ist öde und leer. Der Sozialismus nimmt uns auf seine letzte Reise mit. Unter den hypnotisch-meditiativen Technoklängen von EFDEMIN fahren wir mit der Straßenbahn durch die melancholische Eiswüste der Hauptstadt der untergehenden DDR. Vorbei an Dreck versprühenden Trabbis alter Schule und einer antikapitalistischen Atmosphäre, die sich Kinder des modernen Turbokapitalismus eigentlich gar nicht mehr vorstellen können. Nirgendwo Werbung, keine effektheischerische Aufforderungen zum Haben, Kaufen und Erwerben. Phänomenologie des Augenblicks. Kein Konsumnebel verdeckt den Blick auf die nackte Wahrheit des untergehenden protestantischen Sozialismus: Grauheit und Verlassenheit .

Prenzlauer Berg Ost-Berlin

Der Blick vom Prenzlauer Berg auf den Fernsehturm zu DDR-Zeiten/Pardon Reed, ccc-Lizenz

Alter bundesrepublikanischer Politprominenz verursacht der Gedanke an das alte entschwundene Ost-Berlin anscheinend heute noch ästhetische Albträume. Der Bildungsbürger Otto Schily, einstiger RAF-Verteidiger, einer der ersten Grünen im Deutschen Bundestag 1983 und viel später dann knochenharter SPD-Innenminister, erinnert sich in der zweiteiligen ZDF-Dokumentation „Die Insel“ mit Grauen an Ost-Berlin. „Ost-Berlin war ausgesprochen hässlich“, sagt er. „Dann der Gestank von dem berühmten Ostbenzin, der auch unangenehm war. Die DDR roch schlecht (…). Ich habe einmal zugespitzt gesagt, die DDR ist an Mangel an Ästhetik zugrunde gegangen.“ Eine Aussage, die beeindruckend von der alten westdeutschen Arroganz zeugt, und das sagt ein west-, ja ein süddeutsch Sozialisierter. Schön im klassischen Sinn war Berlin nie, ja, der wirtschaftlich heruntergewirtschaftete Ostteil erst recht nicht. Schön im Münchner Sinn des Wortes sozusagen ist auch das vereinigte Berlin nur an einzelnen Stellen. Aber die Schönheit Ost-Berlins zeigt sich in dem Videomaterial durch seine rohe Nacktheit, die keine Schminke braucht. Es ist auch eine Ästhetik des Scheiterns.

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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28 Comments

  1. »Mangel an Ästhetik« hin oder her.

    Die abgebildete Tramfahrt kostet heutzutage das Dreizehnfache, die Mieten in den Plattenbauten circa das Zehnfache in Euro. Der Durchschnittsbruttoverdienst beträgt heute in Euro höchstens das 2,5-fache von damals.

    Grauheit ist zu dieser Jahreszeit nicht nur dem Beton geschuldet , und Verlassenheit spürt man heutzutage auch. Manchmal sogar noch doller als damals.

    Auch der Sound wirkt deplaziert. Zu jener Zeit gab es solch blasses Geblubber noch nicht . Techno klang damals noch wütend und hart oder überschäumend euphorisierend. Aber nicht so.

    Macht mich alles sehr traurig.

    • Interessant wäre doch, dem Filmchen eine Straßenbahnfahrt anno 2015 gegenüber zu stellen, die auf Video 8 gedreht (bzw. so bearbeitet) wird, an einem lausigen Novembertag. Berlin kann so schön hässlich sein… andere Städte auch.

  2. Nun auch Techno hat Musikströmungen und es muss ja nicht immer der Hammer Kopfschmerzsound sein, und die Bilder zeigen schon die Wahrheit, die DDR wäre auch ohne die mutigen Demonstranten von 89 in den nächsten Jahren kaputtgegangen, denn da war ja nix mehr funktionierend, außer das Stasisystem das funktionierte perfekt, aber der Rest wie Wirtschaft und funktionierendes Volk das ging doch schon seit Jahren nicht mehr.

    • Ich war damals 22 Jahre alt, habe nicht genau gemerkt, was eigentlich nicht funktionierte. Mit 18 hatten mir meine Eltern eine Nähmaschine geschenkt, die ich immer noch benutze. Bis dahin jedenfalls litt ich keinen Hunger und war auch sonst sehr unbeschwert durchs der Leben gekommen. Die Leute, ja die wollten alle was anderes, keiner war zufrieden….Aber war das wirklich so, das nichts funktionierte? Ich glaube eher, dass die Menschen überdrüssig geworden waren und deshalb alles aufhören sollte zu funktionieren, kollektive Depression….ich frage mich woher die kam. So ist es im übrigen auch heute noch. Wohnen sie am Waldrand, dann wollen sie in die Stadt, um in einem Sportklub eine ausgefallene Kampfsportart zu praktizieren. Kostet das aber zu viel Geld, in die Stadt zu kommen, sind sie frustriert. Aber dann gibt es auch die, die in der Stadt wohnen und unglaublich gern im Wald jeden früh joggen würden. Da sie es nicht können, sind sie ihr leben lang frustriert ohne zu merken, was sie eigentlich wirklich in den Händen haben, sie übersehen die Vorteile die sich ihnen bieten. Sie wollen einfach nicht glücklich sein. Das hat nichts mit der Gesellschaftsform zu tun, sondern mit Bewusstsein. Davon haben die uns in der Schule immer erzählt, aber uns fehlte auch da das Bewusstsein zu erkennen, was es mit diesem Bewusstsein auf sich hat. Mir ist bewusst, dass das Glück nichts mit Politik oder Gesellschaftsform zu tun hat, vielleicht deshalb, weil ich zu „zwei verschiedenen Zeiten“ leben durfte. Politik ist allein das Spiel frustrierter Frauen und Männer (die müsste ich in diesem Falle eigentlich zuerst nennen…..aber das ist ein anderes Tema) Schaut euch Fassbinder an….alle Filme bitte!

  3. wer möchte kann jetzt auch so einen Film machen: die letzten Tage der BRD

  4. Harharharhanne

    3. Oktober 2014 at 2:37

    @ „Hanne“: wenn ja alles so toll war in der „DDR“, wieso blieben denn die Flüchtlingsströme der ausgebeuteten „kapitalistischen“ ArbeiterInnen aus Deutschland in die „Deutsche Demokratische Republik“? Wenn es sie nicht gab, warum nicht? Hmmm, andersherum flossen die Ströme? So so.

    Gehörten Sie zu den Profitierenden des alten Systems, ja womöglich zu dessen Gestaltenden? Klar war die StraB-Fahrt soooo billig, schauen Sie sich im Film an, wie toll die Fußgänger damals geschützt waren, nämlich gar nicht. Die stinkenden Rollpappen auf den Straßen, wo heute noch nicht mal moderne Autos hin dürfen, von wegen Plaketten und so. Macht Sie es traurig, dass man nach einem Tag in Ostberlin sich einen Film aus Ruß und Dreck von der Haut abziehen konnte? Tja, ich würde mal vorschlagen: Kim Dings-Bums kann immer neue BürgerInnen gebrauchen, ziehen Sie doch nach Phjöng-Djäng oder wie das Dingens in Nordkorea heißt, und werden Sie GuLag-Aufseherin… Macht Sie bestimmt nicht traurig… ganz und gar nicht.

    • meine liebe Güte – jeder hat ein Recht auf seine Gefühle, ohne deshalb gleich in ein Pjöngjang KZ geschickt zu werden.

      Solche Reaktionen wie die Ihre macht einen traurig. DDR ist vorbei – auch der innerdeutsche kalte Krieg.

    • hanne schrieb nicht darüber dass es zu ddr-zeiten besser war, sondern dass es seitdem nicht besser geworden ist.

    • Ich habe mir in meiner Kindheit in Ostberlin nicht einmal den Ruß von der Haut waschen müssen… Meine Kindheit war schön und ich habe zu dem Zeitpunkt nichts vermisst. Meine Eltern waren nicht in der SED oder bei der STASI (bevor das jetzt aufkommt…). Ohne Frage geht es mir heute wirtschaftlich besser und ich genieße die Reisefreiheit. Ich habe aber auch so viel Vermögen über den Tellerrand zu schauen, um zu sagen, dass es Millionen Menschen gibt, die heute nicht reisen können, weil sie es sich nicht leisten können.

  5. Ich als Berliner, der im Osten geboren, seit 1980 in Westberlin – und nun in Bayern – nahe München lebe , finde den Hinweise auf die Berliner Hässlichkeit mit dem Bezug zur Münchener Relation aber interessant.
    Für mich zB. ist München ausser dem sehr kleinen Innenstadtbezirk und der schönen Gegend um Thalkirchen eine wirklich hässliche Stadt – mir scheint sie und mental geistig inhaltslos – uninspirierend – ermüdend. Wenn man durch die Stadt fährt egal ob Osten oder auch im Westen / Laim – bekomm ich Depressionen. Wenn ich das Schloß Nymphenburg seh muß ich lachen , der Park ist schön, das Schloss einfach nicht ernst zu nehmend.
    Für mich ist Berlin auch architektonisch eine deutlich schönere Stadt, in der auch ständig im Kopf was passiert, andere Dimensionen – ein andere offener Geist.
    Die UdLinden in Ihrer Klarheit ist ist ja kaum zu übertreffen, alles um Monbijou ist wohltuend schön.
    In den 80ern war West-Berlin übrigens nur punktuell schöner – kurze Abschnitte wie Fasananstrasse wechstelten sich mit kilometerlangen architektonischen Todesstreifen wie der Lietzenburger oder Kantstrasse ab.
    Neukölln war nicht gefährlich sondern ein Platz des Grauens der Lieblosigkeit.
    Mittlerweile fährt man aber aus dem schönen Osten in den hässlichen Westen – klarer als am Übergang von Mitte zu Kreuzberg kann man das nicht erkennen.

    • Stimmt….allerdings darf man nicht vergessen, dass eine Menge Geld in den „Osten“ geflossen ist und so der „Westen“, wie auch meine Heimat, das Ruhrgebiet, vor sich hin rotten….auch das ist Fakt.
      Dennoch erlebe ich es, wie Sie beschrieben haben….

      LG

      • Ja – Sie haben recht – das ist die Ironie – das „viel“ Geld erst aus freien Stücken in die Stadt geflossen ist, als die Mauer fiel – vorher vegetierte WBerlin am Rande der permanenten Subventions-Notdurft.
        Aber das „Geld“ kam -anfangs über die Afa – v.a. von freien Investoren in den Ostteil – Mitte und Areale wie Strahlau an der Spree liessen sich sofort als die vielversprechendsten Immobilien-Regionen Europas erkennen – und da ist die Preis-Entwicklung noch sehr sehr lange nicht am Ende.

    • ich bin aus der Nähe von München und dort ausgewachsen, seit 6 Jahren in berlin. und finde Andreas hat recht. Die grauen, einfallslos Fassaden, die engen Straßen. außer einem kleinen Teil in der Innenstadt ist München fast komplett öde und erinnert eher an Platten als schöne Architektur.
      aber der Münchner tut halt gerne mal so als ob das ganze Voralpenland im gehöre und fährt auch witzigerweise auf den Landstraßen als wären die ein Teil des mittleren rings (65kmh) und findet die Landschaft schön. nein ohne Umland, nur als Stadt, Berlin ist schöner.

    • Hallo Andreas, ich habe deinen Kommentar mit Interesse gelesen.
      Mein Lebensweg verlief nahezu umgekehrt: Münchner, der seit 2002 in Berlin lebt. Anmerken würde ich nur, dass München auch außerhalb der City und Thalkirchen einige schöne Ecken hat. Und man sieht seine Stadt auch aus Perspektive der Kreise, in denen man sich bewegt. Es gibt durchaus „München“ außerhalb des bisschen weiß-blauen Glamours und der verschämt-versteckten Armut an den Rändern. Andererseits hat der anhaltende Boom in den letzten 25 Jahren eine einstmals durchaus lebhafte Alternativkultur aufgelöst. Die Stadt wirkt heute – da lacht der Berliner schon – noch kommerzorientierter als in den 1980er und 1990er Jahren.
      Etwas anderes: Aus literarischem Interesse suche ich Zeitzeugen mit etwa deinem Lebensweg, die vom Berlin (Ost oder West) der 1980er Jahre erzählen können. Nicht die große Politik interessiert da, sondern Alltag, Ansichten, Absurditäten. Kenne Berlin durch Besuche seit 1986, aber das ist viel zu wenig. Also, wenn’s dir passt melde dich mal unter antonio.tomatino@gmx.de
      Johannes

  6. stefanhildebrandt

    3. Oktober 2014 at 18:56

    Hallo ich komme nicht aus den Ost Deutschland sieht aber slim aus

  7. Wie gut, dass es Winter und neblig war. So kann man den schlimmen Osten im rechten Licht erscheinen lassen.

  8. Sehr geehrter Herr Michale, könnten sie mal erläutern was heute den so gut funktionieren sollte. Ist den ihr Gehirn vor lauter Bunter Reklame eingeschlafen oder weil das gras die Blumen etwas grüner erscheinen, meinen sie wohl das die erde nicht weiterhin ausgebeutet wird. Die BRD hat mehr schulden als die DDR je gemacht hat und es geht immer weiter eigentlich müsste der Staat längst bleite sein, aber nein sie wissen schon wie sie das Geld hin und herschieben. Und nach den NSA Skandal weiß nun jeder provinzialer Bürger in was für ein Land wir leben. Dabei will dieses Land immer besser da stehen als die DDR. Nur Tut es das nicht. Es ist genauso ein Schweine System, eine reine Kapital Diktatur, mit Hartz4 Sklaven. das hat nichts mehr mit eine ach so angebeteten Demokratie zu tun. Vergessen sie auch nicht die DDR war für die BRD das billig Lohn Land (Exportland)nun ist es China.

    Schöne grüße

  9. Als junger Süddeutscher und regelmäßiger Gast in Berlin stelle ich fest: Die Straßen waren 1990 in Ostberlin offenbar besser in Schuss als bei uns heute. Straßenbahnen dieses Baujahrs fahren heute (!) noch bei uns. Die Fassenden sind zum Teil schmutzig, aber hinter die ein oder andere hübsche süddeutsche Fassade sollte man besser auch nicht schauen, geschweige denn nach den Mieten fragen. Die Mode der Passanten ist natürlich grauenhaft – aber im Zweifelsfall hält sie warm. Und der Winter kann in der Tat überall grau sein. Was mir aufgefallen ist: Zahlreiche frisch gepflanzte Bäume am Straßenrand, die im Frühling 1990 sicher schön gegrünt und geblüht haben. Und das ist auch mein Schusswort: Auf jeden Winter folgt ein Frühling. So oder so. Und ich bin froh, dass wir den nächsten Frühling gemeinsam mit den Gesamt-Berlinern erleben dürfen. So oder so.

    • hallo Jonas – ein guter Kommentar und mir gefällt Ihr klarer Blick – auch ich war überrascht nach der Ankündigung, wie solide die Stadt aussieht, das was man sieht funktioniert , der Putz hält, die Strassenbahn wirkt solide – an vielen Stellen wäre mehr Farbe schön, aber das deprimierende ist der grau-kalte Winter.
      Steckt manchmal ein wenig Ideologie solchen Reportagen. Schön wenn man das an sich ablaufen lassen kann.
      Dann auf einen schönen Frühling 🙂

  10. Christian Schüler

    5. Oktober 2014 at 0:06

    Wie sagte einst Antoine de Saint-Exupery: Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Genau so hält es sich mit Berlin. Vielleicht mag die damalige Architektur und der baulich desolate Zustand für manch Ästheten diametral zu dem stehen, was in ihm Verzückung auslöst. Dennoch war und ist Berlin die aufregendste Stadt Deutschlands. Mit all seinen Facetten, seinen Makeln, seiner Geschichte und seiner Kultur ist meine ehemalige (und hoffentlich auch wieder die zukünftige) Wahlheimat einfach schön. Es ist halt Berlin, das steht für etwas. Etwas für das München, Stuttgart oder Düsseldorf niemals standen oder stehen.

  11. Christian Schüler

    5. Oktober 2014 at 0:23

    Ach ja noch was: Die wahrgenommene Tristesse spiegelt sich vor allem im Filmmaterial (entweder schlechte Filmqualität aber eher Alterung oder Farb-/Konversionsfilter) sowie in der winterlichen Stimmung (unbelaubte Bäume) wider. Außer der fehlenden Reklame, den Ostautos Marke Wartburg, Dacia, Trabant etc. pp. und ferner ohne Kenntnis der Straßenzüge, könnte man die Bilder nicht zwangsweise dem Osten zuordnen.

  12. Dem Winter-Sommer-Argument möchte ich beipflichten. Ggf. auch noch die Patina auf der Heckscheibe der StraBa benennen, die die Sicht zusätzlich eingetrübt haben mag.
    Wenn ich die W50 und die Ikarus-Busse in voller Fahrt sehe freut mich das – Bilder meiner Kindheit. Allerdings kenne ich auch die Tristesse grauer Sonntagnachmittage in den großen Plattenbaugebieten in denen man sich als Kind manchmal etwas verloren gefühlt hat und man sich mit Blumen oder Tieren an den Häuserblocks behalf, damit die Kinder IHR Haus auch wiederfinden wenn sie mal ein paar Straßen weiter zum spielen waren – die Häuser sahen ja alle so gleich aus.
    Und die Altbauten – ja, die waren beängstigend grau und dunkel. Aber irgendwie auch Original. Originaler als heute. In Halle z.B. kann man noch ein bisschen solches Feeling bekommen, die Treppenhäuser sind seit der Erbauung um die vorletzte Jahrhundertwende noch Orinigal. Nicht alles so glattgebügelt. – Im übrigen sind graue Fassaden nicht unbedingt Ausdruck von Dreck und Tristesse, sondern auch einfach Zeitgeist. Es war damals durchaus üblich Häuser mit Sandputz zu versehen der per se schon grau war. Auch im westlichen Teil Deutschlands so vorgenommen, also nicht unbedingt ein Ost-Ding. Und ob es im Pott bedeutend netter war an einem trüben Wintertag als in Berlin wage ich zu bezweifeln.
    Mir fiel das Stichwort „werbefrei“ im Text auf – durchaus etwas was man heute gar nicht mehr kennt, es sei denn man fährt auf’s Land. Hatte auch was. Ich war öfter in Grossbritannien unterwegs – dort kann man den Overkill erleben, das andere Extrem, wenn man von allen Seiten her mit Werbung zugebombt wird. Wir stehen in Deutschland heute dazwischen: Ich bin froh, dass ich in 75% der StraBas unserer Stadt noch aus dem Fenster schauen kann wenn ich drin sitze und nicht irgendeine Werbefolie drüberklebt.
    Natürlich kann man dieses Video zu nichts hernehmen was einem „Beweis“ der Tristesse dienen könnte. Es gab solche und solche Stellen, aber klar, die Straßen waren 1990 in München sicherlich besser als in Berlin-Ost und in einem Hotel zu übernachten in München sicherlich auch angehemer als in der DDR.
    Allen Ossis wünsche ich einfach angenehme Erinnerungen, allen Beweisesammlern und „So war’s aber nu echt!“-Sagern kann ich nur sagen: das reicht nicht, Ihr müsst nochmal los und recherchieren.

  13. Das heißt nicht Sozialismus. Das Ding nennt sich „Winter“ und ist immer grau, kalt und trist. Aber stimmt, ist fast so schlimm wie das hamburger Messegelände.

  14. Hallo zusammen,

    schöne Reise, sie hätte überall sein können. Mir fallen da viele Städte ein, welche zu dieser Jahreszeit und bei solchem Wetter ähnlich ausgesehen haben. (Prag, Warschau, …)
    Der Osten wird immer gern grau gemalt, obwohl er auch viele bunte Bilder bereit hielt. Ich war 1989 enttäuscht, als ich im November das erste mal im goldenen Westen war, da hat es vielerorts nicht anders ausgesehen. Mit Sicherheit hat sich seit dem viel in unserer vereinigten Republik getan, jedoch ist das grau im November, das gleiche wie vor 25 Jahren.

  15. Es wäre toll, wenn zum 25 jährigen Jubiläum ein Ortskundiger mal die im Film gezeigte Fahrtstrecke identifiziert und z.B. von den Haltestellen Links zu Google Streetview posten könnte. Mich würde interessieren, wie die Gegend heute aussieht. Ein neuer Film im Januar 2015 wäre auch Klasse.

  16. habe einige beiträge gelesen und ich bin auch traurig, traurig, dass ich immer wieder lese, dass die ddr so ein toller staat war, dass wir jetzt reisefreiheit haben, dass der westen ja auch nicht das nonplusultra sei — also zunächst mal sage ich: der film war eine schöne erinnerung für mich – ich zog im mai 1977 nach berlin – damals konnte ich dieses elende grau noch nicht so auffällig sehen, wir kannten ja das bunte noch nicht – aber kunst und noch dazu große kunst ist dieses filmchen wohl nicht — aber zurück zu den beiträgen, die ich las…. wir bekamen nicht nur eine reisefreiheit!!! warum fehlt euch diese wahrnehmung nach wie vor??? ich habe eine meinungsfreiheit, und die kostet kein geld

  17. @Manolo:

    Die Fahrt geht im wesentlichen von Nordosten stadteinwärts entlang der B2 über die Greifswalder Straße (Weißensee/Friedrichshain/Prenzlauer Berg) bis zur Torstraße und dann fast zum Hackeschen Markt (Mitte). Gerade der letzte Abschnitt in Mitte (Ackerstraße, Linienstraße usw.), jetzt in Teilen aufgestrapst geschichtlos, war ein wirklich düsteres Viertel.

    War in Teilen mein Schulweg (Am Märchenbrunnen bis Thälmannpark oder Greifswalder Straße)…

  18. sehr interessante Meinungen hier, wert es zu posten

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