Die US-Flagge

Zum ersten Mal fand die WM in den USA statt/ wikimedia

1994 eroberte die Fifa scheinbar feindliches Terrain: Trotz Unkenrufe wurde die WM in den USA kein Reinfall beim Publikum. Es siegten erstmals seit 1970 wieder die Brasilianer – in dem wohl langweiligsten Finale der WM-Geschichte.

Als die Fifa 1988 die Ausrichtung der WM 1994 an die USA übertrug, glaubten nicht wenige zuerst an einen Scherz und dann an eine plumpe Marketingstrategie. Das Fußballereignis in einem Land, in dem Soccer damals noch als Mädchensport Nr. 1,  als “Pussy”-Sport galt und Zuschauer gerne einen Picknickkorb mit ins Stadion nehmen? Viele europäische Skeptiker schrien sofort entsetzt auf: Das europäische Kulturgut Fußball dürfe nicht dem kommerziellen Expansionsdrang der Fifa zum Opfer fallen. Auch manche konservative US-Sportjournalisten vermuteten “unamerikanische Umtriebe” und raunten, man wolle nur den Amerikanern einreden, Soccer sei das Größte; mit dem Kommunismus wäre es ähnlich gewesen. Aber allen Unkenrufen zum Trotz waren die Spiele ein Erfolg: die Stadien waren voll und selbst viele Amis fieberten mit ihren Jungs. Dass es bei der WM 2014 in den USA sogar Public Viewing bei US-Spielen gab, zeigt, was sich inzwischen in den USA in Sachen Soccer geändert hat.  Fußball rockt – auch in der Neuen Welt.

Der tragische Held von LA

1994 hatten die US-Kicker mit Alexis Lalas sogar einen echten Rockstar in ihren Reihen. Sie schlugen sich auch auf dem Rasen wacker und scheiterten im Achtelfinale nach hartem Kampf nur knapp am späteren Weltmeister: Brasilien. Die südamerikanischen Ballkünstler hatten aus den letzten verlorenen Titelkämpfen gelernt und ihre technische Überlegenheit mit “europäischem” Erfolgsdenken verbunden. Ihr Spiel sah oft nicht mehr so spektakulär aus wie früher, aber die Ergebnisse stimmten. Typisch war das Endspiel gegen Italien – beide spielten so vorsichtig, dass kein einziges Tor fiel. Auch in der Verlängerung nicht. Der Weltmeister musste erstmals in der Elfmeterlotterie entschieden werden. Dort wurde Roberto Baggio zur tragischen Figur. Ausgerechnet er, der Italien mit seinen Toren ins Finale geschossen hatte und im Land zum Held geworden war, semmelte seinen Elfmeter in den Nachthimmel von Los Angeles und machte den lange ersehnten, vierten Titel der Selecao perfekt. Das Land flippte wieder aus und feierte vor allem den exzentrischen Superstar des Turniers, Romário, bei dem Genie und Wahnsinn Hand in Hand gingen. Er fast allein versprühte mit seinen technischen Kabinettstückchen sowas wie brasilianisches Fußballflair, machte aber außerhalb des Platzes vor allem mit exzessiven Alkoholeskapaden von sich die Rede.

Die Tragödie um Andrés Escobar

Ähnlich wie ein anderes Fußballwunderkind, der sich 1994 auf tragische Weise selbst demontierte. Nach scheinbar überstandener Kokainsucht war Diego Maradona ins argentinische Team zurückgekehrt, allerdings bei einer Dopingprobe der Einnahme von mehreren Aufputschmitteln überführt worden. Die Fifa sperrte ihn lebenslang und der eigene Verband schmiss ihn aus dem Kader. Eine wirkliche Tragödie erlebte aber der kolumbianische Fußball. Kolumbien galt als eine Art Geheimfavorit, musste allerdings bereits nach einer 1:2-Niederlage gegen die USA in der Vorrunde überraschend die Segel streichen. Dabei war Andrés Escobar ein Eigentor unterlaufen. Ein Tor, das ihn angeblich das Leben kostete. Die heimische Drogenmafia soll hohe Summen auf das Weiterkommen Kolumbiens gesetzt haben. Escobar wurde Tage später auf offener Strasse erschossen. Augenzeugen zufolge mit dem Satz: “Danke für das Eigentor”. Die genauen Tathintergründe sind bis heute unklar.


Der “Stinkefinger” musste zurück in die Heimat

Mit Blick auf diese Tragödie relativierte sich natürlich auch die Aufregung, den das Auftreten der deutschen Mannschaft auslöste. Leider wenig sportlich – der Titelverteidiger enttäuschte auf der ganzen Linie und war spielerisch meilenweit von den besten Teams entfernt. Dafür sorgten insbesondere Pöbeleien und Arroganz für Aufsehen: “Enfant terrible” Stefan Effenberg hatte nach dem lauen Spiel gegen Südkorea dem Publikum den “Stinkefinger” gezeigt und war nach Hause geschickt worden. Ein für heutige Zeitgenossen lächerliches Vergehen war damals ein moralischer Skandal. Dass man mit Effenberg den vermutlich spielerisch stärksten Spieler der DFB-Elf verlor, nahm man billigend in Kauf. Nach einem 1:2 gegen Bulgarien im Viertelfinale flog das deutsche Team aus dem Turnier. Der biedere Berti Vogts, als Nachfolger der “Lichtgestalt” Beckenbauer in einer undankbaren Lage, sah den tieferen Grund in einer Fußballgeneration von “Wohlstandsjünglingen”. Die im Vergleich zu 1990 nur wenig veränderte Mannschaft stand vor einem Umbruch.

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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