Sepp Müller hat keine Chance. 1:0 fr die Niederlande

In der 1. Minute liegt Deutschland im WM-Finale gegen Holland in München mit 0:1 hinten. Bundesarchiv, Bild 183-N0716-0315 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA 3.0.

Nach dem Fiasko gegen den kleinen sozialistischen Schmuddelbruder gewann Fußball-Deutschland um Kapitän Beckenbauer im eigenen Land den zweiten Titel. Mit mehr Glück als Können gegen Holland im Finale. Es war der Beginn einer wunderbaren Fußballfeindschaft.

“Ha, ho, hejahejahe – Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt, wir kämpfen und geben alles, bis dann ein Tor nach dem anderen fällt – einer für alle, alle für einen“: Zum ersten Mal sangen die deutschen Kicker vor dem Beginn einer Weltmeisterschaft einen eigenen Song für die Fans an der Heimatfront und schufen damit bis 1994 eine witzige Tradition. Ein bisschen einfältig war er schon, der Text des Kultsongs. Aber er verkaufte sich großartig. Zum ersten Mal fand die Weltmeisterschaft in Deutschland statt und die Bevölkerung war elektrisiert.

Die WM ein großes Geschäft

Die WM war zu einem kommerziellen Großereignis in der Welt, die Spieler zu Stars wie Gladiatoren im alten Rom geworden, die im Gegensatz zu den Sportamateuren von 1954 ganz selbstverständlich auch viel Geld mit ihrem Beruf verdienen wollten. Die Spieler hielten für Zahnpasta ihr Gesicht in die Kamera und vor dem Turnier stritten sie mit harten Bandagen um die Siegprämie– „einer für alle, alle für einen“. Der DFB war so schockiert von den Forderungen, dass kurz ernsthaft überlegt wurde, den gesamten Kader rauszuschmeißen.

Das deutsch-deutsche Duell

Spielerisch konnte es für die deutsche Elf im eigenen Land nur ein Ziel geben: Weltmeister werden. Der Druck auf die Mannschaft war riesengroß und dann geschah der fußballerische Super-Gau. Eine Niederlage, eine Niederlage nicht nur gegen einen Fußballzwerg, nein, eine Niederlage ausgerechnet gegen den kommunistischen Bruder.
Nach Arbeitssiegen gegen Chile und Australien stand in Hamburg das brisante Prestigeduell gegen die DDR auf dem Spielplan. Fahrig rannten die deutschen Vorzeige-Kapitalistenkicker gegen das DDR-Kollektiv an. Bis in der 79. Minute das Undenkbare passierte: Ein gewisser Herr Sparwasser kurvte durch die bundesdeutsche Abwehr und düpierte auch den Maier Sepp im Tor. Zehn Minuten später Abpfiff. 1:0 für den realen Sozialismus. Das Stasi-Häufchen mit ihren Hammer- und Sichel-Fähnchen jubelte, die westdeutsche Presse war entsetzt, und die (west)deutsche Elf heillos zerstritten. Doch dann – so will es die Legende – nahm der Kaiser höchstpersönlich das Trainerzepter in die Hand; Beckenbauer schmiss Heynckes und Cullmann raus, holte dafür Bonhof und Hölzenbein.

Per aspera ad astra

Und plötzlich klappte es: Die deutsche Elf startete durch und schlug Jugoslawien (2:0) und Schweden (4:2) überzeugend. Dann die Frankfurter Wasserschlacht gegen Polen. Sintflutartiger Regen hatte den Platz in ein Schwimmbecken verwandelt. Auch die Feuerwehr hatte es nicht geschafft, den Platz abzusaugen. Unter völlig irregulären Bedingungen müllerte Gerd Müller in typischer Gerd-Müller-Manier einen Ball irgendwie über die Linie. Das reichte. Die Rutschpartie war entschieden. Im Finale warteten die starken Holländer auf die deutsche Elf. Alles sprach für die Oranje: Ihr begeisternder Offensivfußball („Fußball total“), mit dem Titelverteidiger Brasilien aus dem Turnier gekegelt wurde; dazu der absolute Superstar des Turniers, Johan Cruyff, seines Zeichen Kettenraucher, „Pythagoras“ am Ball, rebellischer Kopf der deutschen Nachbarn.

Mit Glück und Müller zum zweiten WM-Titel

Er war es auch, der im Finale in München unmittelbar nach Anpfiff unwiderstehlich in den deutschen Strafraum eindrang und nur noch von Hoeneß gefällt werden konnte. Elfmeter. 1:0 für Holland. In der ersten Minute. Ein Debakel drohte. Doch die deutsche Mannschaft fing sich und Breitner verwandelte nach einem vermutlichen Foul an Hölzenbein einen Elfmeter zum Ausgleich. In der 43. Minute war es dann soweit: Gerd Müller stoppte eine scharfe Eingabe von Bonhof im holländischen Strafraum mit dem Rücken zum Tor, drehte sich unnachahmlich um die eigene Achse und schob den Ball am verdutzten Torwart vorbei ins Tor. 2:1. Was folgte, war ein wütendes Anrennen der Holländer. Mit leidenschaftlichem Kampfgeist, einem Sepp Maier in Höchstform und vor allem viel, viel Glück retten die Deutschen den knappen Vorsprung. Als der Schiedsrichter abpfiff, sank Gerd Müller in die Knie und Beckenbauer reckte den Pokal gen Himmel: Deutschland war zum zweiten Mal Weltmeister.

Das Trauma von Fußball-Holland

Und die Holländer sahen sich um den verdienten WM-Titel betrogen. Verschwörungstheorien machten die Runde. Es war der Beginn einer großen, wunderbaren Fußballfeindschaft. Doch tatsächlich scheiterten die Holländer vor allem an sich selbst. Anstatt frühzeitig die Entscheidung zu suchen, wollten sie den Gegner bloßstellen. Und spornten damit die deutsche Gegenwehr erst richtig an. Dazu war Cruyff am Endspieltag auch nicht ganz ausgeschlafen. Ein deutsches Boulevardblatt hatte vor dem Finale von einem ausgelassenen Pool-Abend mit hübschen Mädchen im holländischen Quartier berichtet. Frau Cruyff soll das gar nicht lustig gefunden und den Herrn Ehemann die ganze Nacht am Telefon ins Gewissen geredet haben. So hatte auch Frau Cruyff ihren Anteil am deutschen Triumph.

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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