Das Grab von Curd Jürgens

Das Grab von Curd Jürgens in Wien/ vienna touristboard, flickr.com, CC-Lizenz

1, 92 Meter groß und strahlend blaue Augen: Der „normannische Schrank“ (Brigitte Bardot) brachte mondänen Glanz in die triste deutsch-österreichische Film- und Theaterszene der Nachkriegszeit. Der vielseitige Schauspieler hatte einen außergewöhnlichen Sinn für Schönheit und Spektakel. Ein Kurzporträt des Lebenskünstlers Curd Jürgens.

„Ich bin immer bestrebt, mein Leben auf meine Weise zu leben, mit der ich mich identifizieren kann. Das ist ein Privileg des Reichtums“. Mit diesen Worten beschreibt Curd Jürgens 1977 in dem James-Bond-Film „Der Spion, der mich liebte“ dem berühmtesten Agenten Ihrer Majestät seine Lebensphilosophie. Er spielt den größenwahnsinnigen, in Luxus schwelgenden Großreeder Stromberg, der in seiner fantastischen Meeresresidenz Atlantis mitten im Wasser lebt und die Supermächte in einen dritten Weltkrieg verwickeln will, um danach „eine wundervolle Welt im Schoß der Ozeane“ zu errichten. Natürlich vereitelte Roger Moore als der Held der freien Welt den Traum von der Weltherrschaft.

Die Rolle als megalomaner Bond-Bösewicht war sicher nicht Jürgens schauspielerisch anspruchsvollste, aber doch wohl seine wirkungsmächtigste. Das märchenhafte James-Bond-Universum passte ideal zu ihm. Vor einem weltweiten Millionenpublikum gingen sein Leinwandbild wieder mit seinem persönlichen Image ineinander: ein geschmackvoller, geheimnisvoller, unverschämt gut aussehender Lebemann mit Sinn für Abenteuer zu sein, der in allem, was er tat und ausstrahlte, „larger than life“ war.

Weltbürger aus der deutsch-österreichischen Nachkriegsprovinz

Und tatsächlich: Der aus wohlhabenden großbürgerlichen Verhältnisse stammende Jürgens war im provinziellen Nachkriegsdeutschland eine Ausnahmeerscheinung. Ein polyglotter Schauspieler mit Charme und Eleganz , der auch in Frankreich und den USA drehte und sich selbst in drei Sprachen synchronisierte. Ein gebürtiger Münchner, der einen österreichischen Pass besaß und hauptsächlich in Frankreich lebte. Ein kultivierter Weltstar, der sehr gerne sehr viel Geld verdiente und seine Erfolge zu feiern verstand und auch in Amerika zum beliebten Objekt der Klatschpresse wurde. Der Eigentümer weltweit zerstreuter Besitztümer gab gerne ausladende gesellschaftliche Feste für die Prominenz der Welt und zog die Damenwelt magisch an. „Es war leicht, sich in Curd Jürgens zu verlieben. (…) Was ich sah und was ich fühlte, war die Faszination eines augenscheinlich freien Mannes, der seiner erotischen Kraft unverschämt bewusst war“, bekannte später seine Schauspielkollegin Senta Berger, die mit ihm in Salzburg in der Jedermann-Aufführung lange Zeit spielte. Jürgens war insgesamt viermal verheiratet und Spekulationen über Affären gab es praktisch zu jeder Zeit. Unlängst sind Belege für eine kurze, intensive Beziehung mit Romy Schneider bekannt geworden. Aber dass Jürgens ernsthaft nie ein ruhiges Familienleben, sondern immer auch den gemeinsamen Rausch suchte, hatte auch mit einer körperlichen Behinderung zu tun, die die Öffentlichkeit kaum kannte: Nach einem schweren Unfall mit einem Sportwagen im Alter von 18 Jahren hatte er seine Zeugungsfähigkeit verloren.  Dass seine Rollenwahl teilweise auch kompensatorischen Charakter hatte, gab Jürgens in einem Playboy-Inteview aus dem Jahr 1974 offen zu.

Leben und Arbeiten auf der Überholspur

Schon in seinen ersten Filmen  war Jürgens auf die Rolle des Liebhabers, des Rauhbeins oder auch des edlen Helden festgelegt. Seinen deutschen wie internationalen Durchbruch gelang ihm 40-jährig mit der Darstellung des Junggesellen und Kampffliegers General Harras  in Käutners filmischer Umsetzung von Zuckmayers Des Teufels General (1955). Groß, stark, schweigsam und gerecht zu sein, wurde zu dem Markenzeichen seiner Männerfiguren, ob es jetzt Könige oder Soldaten waren. So leicht ihm das erfolgreiche Leben im Scheinwerferlicht vordergründig zu fallen schien, so sehr war Jürgens vor allem  ein bessenerer Arbeiter. Akribisch arbeitete er an seinen Rollen oder Filmen. Wegen der zweifelhaften Qualität einiger seiner Filme machte er sich keine Illusionen. Filme waren für ihn in erster Linie auch Mittel, um Geld zu verdienen. Seine eigentliche Liebe galt der Bühne, auf der seine schauspielerischen Fähigkeiten mehr gefordert waren. Im privaten Umgang galt er vielen Freunden und Kollegen als höflich und freundlich, ohne jede Starallüren. Als einer, der entgegen der Klischees Verständnis und Symphatie  für das Aufbegehren der Jugend gegen das bürgerliche Establishment in den 1960er- und 1970er-Jahren hatte.  Sein Vorhaben, im Frankfurter Alternativviertel ein ambitioniertes Filmkunsttheater zu etablieren, scheiterte allerdings.

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Literatur: Curd Jürgens, Kinematograph (14) 2000/2007.

Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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