Liebe statt Macht: Edward VIII und seine Wallis Simpson, flickr.com -the lost gallery

Es ist der große Liebesmythos des 20. Jahrhunderts: Vor 80 Jahren bestieg Prinz Edward als Edward VIII. den britischen Thron, dankte aber wenige Monate später ab, um seine Geliebte, die amerikanische Aufsteigerin Wallis Simpson heiraten zu dürfen. Und brachte damit fast die britische Monarchie zum Einsturz. Bis heute ranken sich Mythen um seinen Abgang in turbulenter weltpolitischer Zeit.

„ Ich war einmal zum Abendessen auf ihrem Schloss. Was für ein Abend! Sie saß da, `ganz das elegante Skelett` und nach dem Essen klatschte sie in die Hände, als würde sie einen Dienstboten rufen und sagte [zu Edward] in diesem affektierten Amerikanisch: `Zieh deinen Kilt an und führe unseren Gästen deinen Tanz vor“ Und dieser Mann, der einmal König war, geht tatsächlich! Und er kommt wie ein Chorjunge aus Bridadoon in komplett schottischer Nationaltracht zurück und vollführt einen Tanz – auf Zehenspitzen und mit wirbelnden Röckchen! Schrecklich! (…) Was für eine Art zu leben! Schreckliche Leute – sie hatten einander verdient“:

Marlene Dietrich erinnerte sich in 1970er-Jahren im Pariser Exil nur noch mit Spott und Verachtung an das alterne Glamour-Paar. Der verhinderte englische König Edward von Windsor hatte nach dem Zweiten Weltkrieg keine politisch relevante Beschäftigung gefunden und war zusammen mit seiner Frau Wallis seitdem zur Hauptattraktion im internationalen Jet-Set geworden, wo Geld keine Rolle spielte und der schöne Schein alles war. Ihr Leben bestand nun in erster Linie aus einer schier endlosen Abfolge von Partys auf den schönsten Plätzen der Welt, im Bermudadreieck zwischen Paris, der Riviera und den USA.

Millionen Pfund hatte Edward seit ihrer Hochzeit 1937 für seine Frau, für ihre sündhafte teure Kleidung, ihre exquisiten Pelze, für ihren extraordinären Schmuck ausgegeben, wodurch Wallis zum Topmodell der berühmtesten Modedesigner der Welt und zum Mittelpunkt jeder Party geworden war. Während seine Frau sich im Glanz der Aufmerksamkeit sonnte, konnte sich Edward weitestgehend unbeobachtet den Kaviarschnittchen widmen. Dies galt umso mehr, als ab Ende der 1960er-Jahren sich die Gesundheit des Herzogs immer mehr verschlechterte und er immer kürzer in der Öffentlichkeit auftrat, während seine Frau weiterhin vergnügt die Nächte durchtanzte. Dass Wallis ihren Edward völlig in der Hand hatte, glaubte jeder zu wissen und war beliebtes Klatschthema.

Aber wie unterwürfig Edward nach außen auch gewirkt haben mag, so sehr hatte Edward sein Leben bis zu seinem Tod 1972 geführt, wie er es immer wünschte: nämlich an der Seite seiner Frau Wallis. In den entscheidenden Momenten seines Lebens war Edward stark und eindeutig, wie wohl nur wenige andere gewesen wären; er entschied sich für eine Frau, für die er alles aufzugeben bereit war: den Thron, die Macht, sein Zuhause, seine eigene Familie und am Schluss vielleicht sogar seine Selbstachtung; für die Frau, wegen der 1936 England in schwieriger Zeit in eine ernste Verfassungskrise geriet; für die Frau, die nicht einmal Engländerin und alles anderes als standesgemäß war: vielmehr eine bürgerliche Amerikanerin mit mehr als zweifelhafter Vergangenheit.

Paar für die Ewigkeit im Londoner Wachstumskabinett, flickr.com Neufeld

Wallis Simpson – der personifizierte American Dream
Wenn man will, lässt sich bereits in Wallis Kindheit der Grund für ihren späteren Geltungsdrang erkennen. Wallis, am 19. Juni 1896 geboren, wuchs als einzige Töchter von Teackle Warfield und Alice Montague im tiefsten amerikanischen Süden, in Baltimore auf. Beide Elternteile entstammten bekannten Südstaaten-Familie, hatten jedoch außer dem vornehmen Namen kaum Vermögen. Als Wallis Vater fünf Monate nach der Geburt seiner Tochter starb, war die Familie völlig mittellos und und von den Zuwendungen eines reichen Schwager abhängig.

Sich aus diesen ärmlichen Verhältnissen zu befreien und wieder den gesellschaftlichen und materiellen Status erreichen, den sie als ihr und ihrer Familie als rechtmäßig ansah, wurde zur Triebfeder ihres Ehrgeizes und dem ihrer Mutter. Mit dem Geld des zweiten Ehemanns ihrer Mutter besucht sie 1912 die vornehmste Mädchenschule in Baltimore, die Mädchen auf das Eheleben in höheren Kreisen vorbereiten sollte. Doch die 1916 eingegangene erste Ehe mit dem Marinepiloten Earl Winfield Spencer war ein Desaster. Spencer war alkoholkrank; er schlug und demütigte seine Frau. Erst 1927, nach fünf Jahren Trennung, wurde die Scheidung offiziell. Zu dieser Zeit war sie bereits mit dem erfolgreichen britisch-amerikanischen Geschäftsmann Ernest Simpson liiert, den sie ein Jahr später in London heiratete, wohl weniger aus Liebe als aus Kalkül.

Sie war eine moderne emanzipierte Frau, frei von außen herangetragenen Zwängen, eine Abenteuerin, impulsiv, charmant, beredt, die sich schnell einen guten Ruf als Gastgeberin und Unterhalterin in der Londoner Gesellschaft erwarb. Ernest war dagegen etwas steif und auf Konvention bedacht, konnte ihr aber etwas sehr Wertvolle bieten: nämlich Sicherheit. Sie war also keineswegs eine unglückliche Frau, als sie am 10. Janaur 1931 zum ersten Mal in die königliche Gesellschaft eintrat bzw. mit dem Mann zusammentraf, der ihr Leben wesentlich verändern sollte: Edward, Prinz von Wales und britischer Thronfolger.

Edward als junger Prinz von Wales, flickr.com the lost gallery

Edward – der sensible Aristokrat

Edward war zu dieser Zeit 37 Jahre alt und der wohl begehrteste Junggeselle des Landes. Er hatte die ihm standesgemäßige Ausbildung beim Militär durchlaufen und mit den für einen Thronfolger typischen emotionalen Defiziten zu kämpfen – seine Mutter hatte sich kaum um ihn gekümmert, seine Großmutter,Queen Viktoria, charakteristierte er später einmal  als „bedrückende“ Erscheinung. Allgemein galt er als überaus höflich, „pflegeleicht“, aber auch mutig. Er war ein Mann der Tat und kein „Mann der Bücher“- das kurzzeitge Studium der Geisteswissenschaften in Oxford 1912 langweilte ihn. Trotz größter Bedenken der Familie im ersten Weltkrieg kämpfte Edward zeitweise als Offizier an der Westfront und geriet einmal bei einem deutschen Angriff in wirkliche Lebensgefahr. Schnell wurde er wieder ins sichere Rückland zurückgeführt. Denn nachdem sein Vater am 22. Juni 1910 zum englischen König Georg V. gekrönt worden war, hatte sich Edward, nun auch offiziell Prince of Wales, zuvorderst für seine zentrale Bestimmung vorzubereiten: eines Tages nach dem Tod seines Vaters den britischen Thron zu besteigen. Damit sich der zukünftige König ein Bild von der Welt machen konnte, schickte ihn sein Vater nach dem Krieg in die Länder des Empires, u.a. 1920 nach Australien und Neuseeland, wo er sich als sensibler Beobachter erwies und immer ein offenes Ohr für die Belange der Bevölkerung zeigte. Er war sich den sozialen Spannungen der Nachkriegeszeit, auch in der englischen Heimat, bewusst und war sich auch nicht zu schade, sich in Armutsgebieten persönlich kundig zu machen. Dabei entwickelte er auch Verständnis für die politischen extremistischen Bewegungen seiner Zeit. In den 1920er-Jahren wurde er in der Öffentlichkeit als sozial sensibler Thronfolger gehandelt, mit dem sich auch Hoffnungen auf Veränderungen verbanden. Doch etwas Wichtiges fehlte noch: eine würdige Ehefrau. Dabei bewies er auch auf gesellschaftlichem Parkett Format. Der gutaussehende Edward galt als guter Tänzer und als Salonlöwe mit einem Faible für gute, elegante Kleidung. Nie sah man ihn nachlässig angezogen.

Liebe oder Vaterland?

Doch als sich im Laufe von 1934 nicht mehr wirklich verheimlichen ließ, wofür des Kronzprinzens Herzen wirklich schlägt, war das Entsetzen in dem traditionsbewussten Establishment groß . Eine nicht mehr ganz taufrische Amerikanerin, eine verheiratete Frau, die außerdem noch eine andere gescheiterte geschiedene Ehe hinter sich hatte? Ein Skandal, eine geschiedene Frau konnte nach anglikanischem Gesetz nie den Thronfolger heiraten. Die gegenseitige Liebe war seit ihrem erstmaligen Zusammentreffen 1931 langsam, aber stetig gewachsen; auch Ernest Simpson schien die Liaison zu akzeptieren, wohl fühlte er sich geschmeichelt und erhoffte sich nicht zuletzt wohl auch einen Adelstitel. Wallis fühlte sich in dieser offenen Dreiecksbeziehung recht wohl und wollte nichts ändern: „Alles wird so weitergehen wie bisher, das heißt, wir drei sind die besten Freunde“, versicherte sie ihrer Tante noch im November 1934. Doch Edward wollte sich nicht mit halben Sachen abgeben, sondern wollte die Frau, die er liebte, heiraten. Daran änderte auch nichts, als am 20. Januar 1936 der Ernstfall eintrat und König Georg V. im Alter von 70 Jahren starb. Edward war jetzt König Edward VIII. und Herr über das britische Empire. Und die Frage seiner Beziehung zu Simpson wird endgültig zu einer Frage der hohen Politik, die das ganze Establishment in Atem hielt. Die wildesten Gerüchte machten die Runde. War Edward Wallis Simpson sexuell hörig, wandte Simpson eine geheime erotische Massagetechnik an , die sie in einem chinesischen Bordell kennenlernte und nun den König um den Verstand brachte? Von mehreren Affären von Wallis war die Rede. War sie gar mit Joachim von Ribbentrop, dem deutschen Botschafter in London und späteren Außenminister Hitlers, intim geworden und damit womöglich eine Agentin der Nationalsozialisten? Der Druck auf Edward wurde immer größer, die Liasion zu beenden, zumal Wallis im Juli 1936 die Scheidung einreichte und tatsächlich für den König „frei“ wurde. Als alle Versuche scheiterten, Wallis in England legal zu heiraten, zog Edward am 10. Dezember 1936 die äußerste Konsequenz und dankte zu Gunsten seines Bruders ab. In einer dramatischen Radioansprache am Abend des nächsten Tages – nicht nur in London stand die öffentliche Welt still – begründete er die „von mir getroffene Entscheidung“, die „ernste Entscheidung meines Lebens“ mit einer öffentlichen Liebeserklärung an Wallis Simpson: „Glaubt mir, wenn ich euch sage, dass es mir unmöglich war, die schwere Bürde der Verantwortung auf mich zu nehmen und meine Pflichten als König, so wie ich wollte, zu erfüllen, ohne die Hilfe und die Unterstützung der Frau, die ich liebe“.

Edward VIII and Wallis Simpson – Interview with Kenneth Harris – 1970

Die Entscheidung hatte schwerwiegende Konsequenzen für ihn. Finanziell musste er sich keine Sorgen machen, dafür aber seine Heimat verlassen. Ohne Einverständnis der Königsfamilie war es ihn von nun an untersagt, englischen Boden zu betreten. In Frankreich wurden am 3. Juni 1937 im Schloss Candé Edward, nunmehr nur Herzog von Windsor, und Wallis Simpson, nun Herzogin von Windsor, offiziell zu Mann und Frau erklärt. Wallis wurde es untersagt, den Titel „Königliche Hoheit“ zu führen.

 

Weltpolitik im Schatten der Liebe

Privat hatte Edward sein Ziel erreicht, aber politisch blieb die Angelegenheit delikat. Neuere Dokumente legen nahe, dass auch Edwards mehr oder wenige offene Symphatie für die nationalsozialistsche Bewegung zu seiner erzwungenen Abdankung nicht unwesentlich beigetragen hat. Zumal Hitler nach Edwards Abdankung wohl versuchte, das verhinderte Königspaar in die nationalsozialistische Planung in ein Nachkriegsengland einzubinden bzw. die Überlegung anstellte, beide nach einer deutschen Besatzung Englands wieder in Amt und Würden zu bringen. Als die beiden im Oktober 1937 bei einer Deutschlandreise den deutschen Diktatur auf dem Obersalzberg in Berchtesgarden einen Besuch abstatteten, wurden sie fast wie offizielle Staatsgäste empfangen. 1941 ließ Edward in einem Interview die Welt wissen, dass ein Sturz Hitlers eine „Tragödie für die Welt“ bedeuten würde. Bereits nach Beginn des Krieges in Europa 1939 war in der britischen Regierung die Sorge groß, die Deutschen könnten Edward und Wallis ganz unter ihre Kontrolle bekommen, die sich 1940 nach der Besetzung Frankreichs zunächst nach Spanien und dann nach Portugal absetzten. 1940 wurde Edward auf Druck Churchills gegen seinen Willen als Gouverneur in die Kronkolonie Bahamas abgeschoben, um ihn so im britischen Machtbereich halten zu können.

 

Nach dem Krieg Rückzug ins Private

Nach dem Zweiten Weltkrieg verließen die Windsors die Bahamas wieder und ließen sich in Frankreich nieder, wo Jahrzehnte des hektischen Nichtstuns begannen. Beide schrieben ihre Memoiren, die aber nur kurzzeitig für viel Aufsehen sorgte. Ansonsten lebten sie abwechseld inmitten der pulsierenden Großstadt Paris und in einer Landvilla am Rande der Stadt, wo sich Edward besonders gerne seiner neuen Leidenschaft widmen konnte: der Natur. Aus dem ehemaligen König von Engalnd war ein Hobbygärtner geworden. Nur langsam kam es wieder zu einer Annäherung in der Windsor-Familie. 1952, bei der Beisetzung von König George VI, Edwards Bruder und Nachfolge, musste Edward noch auf die Begleitung seiner Frau verzichten. Erst 1967 durfte die beiden Windsors auf Einladung der Königin Elisabeth II. an einer Familienfeier anlässlich des hundertsten Geburtstag von Queen Mary teilnehmen. Doch an eine wirkliche Familienaussöhnung war nicht zu denken. Es sollte das erste und auch das letztes Mal nach der Abdankung sein, dass Edward lebend sein Heimatland betrat. Er starb am 28. Mai 1972 in Paris an Kehlkopfkrebs. Auf Anordnung von König Elizabeth wurde er in Anwesenheit seiner Witwe im Park des Schlosses von Windsors beigesetzt.

Die Herzogin von Windsor überlebte ihren Ehemann um fast 14 Jahre, davon lange Zeit in geistiger Umnachtung. Sie lebte nach dem Tod ihres Mannes sehr zurückgezogen in Paris. Sie starb am 24. April 1986 kurz vor ihrem 90. Geburtstag. Und ein Wunder geschah: Elizabeth II. ließ Wallis nach England einfliegen, wo sie neben ihrem Mann ihre letzte Ruhestätte fand. Auch ihr gesamter Schmuck ging wieder in den Familienbesitz der königlichen Familie zurück. Wallis vererbte es dem Sohn der Königin, dem Prinzen von Wales, der als einziger immer seinem Großonkel die Treue gehalten hatte: Prinz Charles. Der ahnte wohl damals nicht, dass auch er in nicht allzu ferner Zukunft einer der Hauptdarsteller eines weiteren Windsor-Dramas werden sollte.

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Literaturnachweise:

Sigrid-Maria Größing, Starke Frauen – Schwache Männer: Von Kleopatra bis Wallis Simpson, Wien 1995.
Philip Ziegler, King Edward VIII,  Harperpress London 2012.
Alain Decaux,  Eduard VIII. und Wallis Simpson, dtv München 1999.

Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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