Helmuth James Graf von Moltke

Helmuth_James_Graf_v._Moltke vor dem Volksgerichtshof/ Bundesarchiv Bild 147-1277, Volksgerichtshof, Helmuth James Graf v. Moltke“ von Bundesarchiv, Bild 147-1277 / CC-BY-SA. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons

Vor 70 Jahren wurde Helmuth Graf von Moltke in Berlin-Plötzensee von den Nazis hingerichtet. Der Kopf der intellektuellen Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ war ein Vordenker eines freien geeinten Europas. Eine Kurzbiografie über einen modernen Liberalen in einer illiberalen Zeit.

„Seitdem der Nationalsozialismus zur Macht gekommen ist, habe ich mich bemüht, seine Folgen für seine Opfer zu mildern und einer Wandlung den Weg zu bereiten. Dazu hat mich mein Gewissen getrieben“. Am 19. Oktober 1944, in der Gewissheit des kommenden Todes rechtfertigte von Moltke mit diesen Zeilen sein politisches Handeln in einem Abschiedsbrief vor seinen kleinen Söhnen – und musste dabei in keiner Weise beschönigen. Im Gegensatz zu vielen anderen Verschwöreren wie z.B. Claus von Stauffenberg war Moltke von Anfang an immun gegenüber der nationalsozialistischen Großmachtideologie gewesen.

Erzogen in angelsächsischer Toleranz

Nicht nur Rassismus, sondern auch Nationalismus war ihm von Hause aus wesensfremd. So wuchs er als Sprössling eines alten mecklenburgischen Adelsgeschlechts und Urgroßneffe des gleichnamigen legendären preußischen Generalfeldmarschalls in einem konservativen familiären Umfeld auf, in dem (im Gegensatz zu dem der meisten Stammesgenossen) Weltoffenheit und Toleranz vorherrschend waren. Seine liberal-angelsächsisch geprägte Mutter war eine Vorreiterin für die rechtliche und faktische Gleichberechtigung der Frauen; sein Vater Mitglied der nationalliberalen DVP und glühender Anhänger der Verständigungspolitik von Gustav Stresemann. In diesem Sinn hat Moltke „ein Leben lang gegen den Geist der Enge und der Gewalt und (…) des Absoluten und des erbarmungslos Konsequenten angekämpft“, wie er seiner Frau am 11. Oktober 1944 schrieb. Wie Moltke selbst von Begleitern charakterisiert wurde:  kosmopolitisch, souverän und offen, so sollte nach seiner Überzeugung auch das deutsche Gemeinwesen sein. Bereits in der Weimarer Republik engagierte sich der angehende Jurist für einen gemeinschaftlichen Dialog aller gesellschaftlicher Gruppierungen. Zu diesem Zweck führte er Ende der 1920er-Jahre immer wieder gemeinsame Arbeitstreffen von Arbeitern, Bauern,  Studenten, Künstlern und Wissenschaftlern durch.

Juristischer Kämpfer gegen den Nationalsozialismus  

Von der Grundidee, alle gesellschaftlichen Gruppen gleichberechtigt Lösungen für die Probleme der Allgemeinheit diskutieren zu lassen, ließ er auch im nationalsozialistischen Staat nicht ab, wurde diese auch insbesondere ab Beginn des Krieges zu einer Frage von Leben und Tod. Zunächst leistete er in erster Linie als Jurist dem menschenverachtenden Hitlerregime Widerstand.  So vertrat er insbesondere Juden vor Gericht und half bei Auswanderungen. Bei Kriegsbeginn stieß er zur völkerrechtlichen Abteilung des militärischen Geheimdienstes unter dem Regimegegner Admiral Canaris , wo er mit Gutachten zu Verstößen gegen das Kriegsrecht die Gewaltexzesse zu mildern hoffte.

Europäischer Vordenker

Bereits seit 1938 beschäftigte sich Moltke intensiv mit den Fragen der Überwindung der Diktatur, wobei er trotz aller Abscheu gegenüber dem Nationalsozialismus bis zuletzt den Tyrannenmord als moralisch verwerflich ablehnte. 1939 entwarf er in einer ersten Denkschrift seine Vision eines neuen Deutschlands – liberal, offen und föderal. 1940 wurde er mit seinem Freund Peter Yorck von Wartenburg zum Initiator des „Kreisauer Kreis(es)“, der zahlreiche Oppositionelle aus verschiedenen konfessionellen und sozialen Herkünften vereinte und sich konzeptionell mit der freiheitlichen Neuausrichtung Deutschlands in Europa und in der Welt auseinandersetzte.

Ob in Fragen der Religion, Pädagogik, Ethik oder Staatsaufbau: Immer ging es um eine vollständige soziale Neuordnung und allgemeine Umstruktierung nach den Prinzipien der Individualität, Subsidiarität und europäischen Einigung. Gerade Moltke schwebte ein deutscher Nationalstaat vor, der seine wesentlichen Souveränitätsrechte an einen europäischen Bundesstaat abgeben sollte. Ziel war ein freies Deutschland in einem geeinten Europa. „Der Same aber, den ich gesät habe, wird nicht umkommen, sondern wird eines Tages seine Frucht bringen, ohne dass irgendjemand wissen wird, woher der Same kommt und wer ihn gesät hat“, schrieb Moltke wenige Monate vor seiner Hinrichtung am 23. Januar 1945 im Berliner Gefängnis Plötzensee.

Er sollte recht behalten.

 

Literaturhinweis:

Günther Brakelmann, Helmuth James von Moltke: 1907-1945, C.H. Beck: München 2007

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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