Ein WM-Stern, drei Löwen. England. Stephen Mulcahey / Shutterstock.com

Ein WM-Stern, drei Löwen. England. Stephen Mulcahey / Shutterstock.com

Es war die WM der Engländer. Zum ersten Mal fand das Spektakel im  Mutterland des Fußballes statt. Und zum bisher einzigen Mal gewann England das Turnier gegen Deutschland – durch die Mutter aller Fehlentscheidungen.

1966 ging die WM wieder nach Europa. Nach England, das damit nach langjähriger „splendid isolation“ seine selbsternannte Ausnahmestellung aufgab und sich in die globale Fußballfamilie Fifa einreihte. Im Mutterland des Fußballs herrschte grenzenlose Euphorie, vier Monaten vor Anpfiff war allerdings der Schrecken groß. Das Wichtigste war nämlich plötzlich verschwunden: der WM-Pokal. Trotz scharfer Bewachung war er bei einer Ausstellung entwendet worden.  Eine fieberhafte Suche begann, doch Scotland Yard tappte völlig im Dunklen. Doch zum Glück hatte Hund „Pickles“ den richtigen Spürsinn – er entdeckte das kostbare Stück beim Gassi unter einem Busch in einem Londoner Vorort. Als Dank wurde er als Ehrengast zum Turnier eingeladen. England war auf den Hund gekommen.

Das Wembley-Tor – Mutter aller Fehlentscheidungen

Doch die Engländer wollten den Pokal natürlich nicht nur angucken, sondern vor allem gewinnen. Als vermeintliche Erfinder des Spiels hatten sich die Engländer in einem höheren Sinn schon immer als eigentliche Weltmeister empfunden. Der WM-Titel war jetzt Pflicht im eigenen Land. Und tatsächlich gelang der bislang einzige WM-Coup. Durch das umstrittenste und zu Tode zitierteste Tor der WM-Geschichte in dem denkwürdigen Finale gegen Deutschland. Es stand 2:2 in der Verlängerung – das Spiel war bis dahin schon dramatisch verlaufen, Wolfgang Weber hatte in buchstäblich letzter Sekunde der regulären Spielzeit für die Deutschen den Ausgleich erzielt. Dann knallte Geoff Hurst in der 110. Minute den Ball an die Unterkante der Latte, von dort sprang der Ball ins Feld zurück. Hatte der Ball vorher die Linie in vollem Umfang überschritten oder nicht? Die Gastgeber jubelten, die Deutschen winkten ab. Keiner hatte es wirklich gesehen. Nicht die Zuschauer, nicht die Fernsehkameras. Schiedsrichter Dienst ließ zunächst weiterspielen. Doch nach einem kurzen Disput mit Linienrichter Bachramow entschied er plötzlich auf Tor. Das Spiel war gelaufen. Das 4:2 interessierten nur die Statistiker. Die Entscheidung bleibt weiter heiß umstritten– die modernste Aufbereitung der Filmaufnahmen lassen den Schluß zu, dass der Ball nicht drin war. Den Engländer war es egal: Sie feierten überschwänglich Bobby Charlton und Co.

Deutsche Kunstschüsse und brasilianische Enttäuschung

Die deutsche Mannschaft konnte aber mit aufrechtem Kopf nach Hause fahren. Die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön machte tolle Spiele und schoss auch unvergessliche Tore. Lothar Emmerich gelang gegen Spanien ein Kunstschuss aus eigentlich unmöglichem Winkel. Kurz vor der Torauslinie hatte er völlig unerwartet abgezogen und der Ball schlug im rechten oberen Eck ein. Neben dem unermüdlich kämpfenden Uwe Seeler rückte dazu ein junger Bayer in den Mittelpunkt, der den deutschen Fußball in den nächsten Jahren prägen sollte: Franz Beckenbauer. Er traf auch nach einem leichtfüßigen Solo zum vorentscheidende 2:0 beim 4:0-Viertelfinalsieg gegen Uruguay, die v.a. durch brutale Fouls auffielen.

Überhaupt wurde immer mit harten Bandagen gekämpft. Besonders die Brasilianer kam mit der Härte ihrer Gegner überhaupt nicht zurecht. Zumal Überflieger Péle nach dem ersten Spiel verletzt aussetzen musste. Er war im Spiel gegen Portugal böse zusammengetreten worden. Der Titelverteidiger schied bereits in der Vorrunde aus.

Sensation aus Fernost

Für die größte Überraschung sorgten aber die kommunistischen Armeekicker aus Nordkorea. Schon ihre Qualifikation war irgendwie sensationell. Und dann schlugen sie auch den zweifachen Weltmeister Italien mit 1:0 und erreichten sogar das Viertelfinale. Die englischen Gastgeber hatten auch sonst so ihre Probleme mit dem Teilstaat, dessen Trainer ein Armeeoberst war. Da die Briten das Regime in Pjöngjang nicht anerkannten, durfte auch die Nationalhymne Nordkoreas nicht gespielt werden. Die Engländer lösten das Problem auf elegante Weise: Man beschloss, einfach gar keine Hymnen mehr vor dem Spiel zu spielen, sondern nur schmissige Marschmusik. Passte auch irgendwie sehr gut.

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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