Rudolf Caracciola und Bernd Rosemeyer waren in den dunklen 1930er-Jahren in Deutschland die mit Abstand bedeutendsten Rennfahrer. Sie sorgten mit rasanten Fahrten landesweit für spannende Unterhaltung und sportlichen Nervenkitzel: Auf dem Höhepunkt ihrer Erfolge machten sie die Siege quasi unter sich aus.

Rudolf Caracciola und Bernd Rosemeyer waren in den dunklen 1930er-Jahren in Deutschland die mit Abstand bedeutendsten Rennfahrer. Sie sorgten mit rasanten Fahrten landesweit für spannende Unterhaltung und sportlichen Nervenkitzel: Auf dem Höhepunkt ihrer Erfolge machten sie die Siege quasi unter sich aus. Mit beiden bekämpften sich auch zwei Fahrstile und zwei Rennställe. Caracciola, der vorausschauende Kopffahrer in seinem Mercedes-Silberpfeil gegen Rosemeyer, den impulsiven Draufgänger aus dem Auto-Union-Rennstall. Doch einer blieb auf der Strecke. Rosemeyer wurde sein tollkühner Fahrstil 1938 zum Verhängnis. Sein früher Tod machte ihn zu einem Mythos.

Benzin im Blut

Sowohl Rosemeyer als auch Caracciola wuchsen in einem motorsportaffinen Umfeld auf, das die späteren Karrieren bereits erahnen ließ. Besonders Rosemeyer, am 14. Oktober 1909 in Lingen an der Ems geboren, saugte das Benzin quasi schon mit der Muttermilch auf. Er trieb von klein auf sein Unwesen in der Auto- und Motorradwerkstatt seines Vaters; bereits im zarten Alter von neun drängte es ihn hinter das Lenkrad, was ihm aber der Vater verbot. Im Jugendalter machte der Mechanikerlehrling mit abenteuerlichen Nachtausflügen auf dem Motorrad oder mit dem Auto des Vaters die Umgebung unsicher und geriet dabei immer wieder auch in Konflikt mit der Ordnungsmacht. Volljährig geworden, machte der junge Draufgänger seine erste Motorradrennen, stieg aber schnell auf vier Räder um, wo er eine Blitzkarriere hinlegte. Nach Erfolgen auf Langstrecken-Straßenrennen wie die „2000 km durch Deutschland“ im Jahr 1933 wurde Rosemeyer ein Jahr später von der neu gegründeten Auto-Union als Nachwuchsrennfahrer unter Vertrag genommen.

Der Weg von beiden ins Rennzirkus

Auch Carocciolas Weg in den Autorennzirkus führte über den Umweg der Motorräder. Ansonsten entwickelte sich sein Aufstieg wesentlicher ruhiger als der des fast acht Jahre jüngeren Rosemeyer. Der Sohn einer recht wohlhabenden Hoteliersfamilie aus Remagen machte seine erste motorisierten Gehversuche auf dem väterlichen Mercedes 16/45 – dem schwäbischen Automobilkonzern sollte er in der Folge bis auf wenige Ausnahmen immer treu bleiben. Nachdem er das Gymnasium mit dem Abitur in der Tasche verlassen hatte, war für ihn klar, dass er Rennfahrer werden wollte. 1923 heuerte er als Verkäufer bei der Daimler-Niederlassung in Dresden an, wurde aber im selben Jahr bereits als Werkfahrer eingesetzt. Mit mehreren Siegen in diversen Straßen- und Bergrennen auf dem Mercedes-Kompressor-Rennwagen stellte er seine außergewöhnlichen Fahrfähigkeiten unter Beweis. Aber erst als er 1926 sensationell beim erstmals ausgetragenen „Großen Preis von Deutschland“ auf der Berliner AVUS-Strecke siegte, gelang ihm der wirkliche Durchbruch. In der Folge wurde Carocciola der unumstrittene Star der deutschen Rennfahrer-Szene – ein Könner auf den verschiedensten Strecken mit den verschiedensten Autos, insbesondere bei Regenwetter galt er als unschlagbar. Er wurde „Regenmeister“ genannt, ein Begriff, der sogar Eingang in die englische Sprache gefunden hat. Carocciola siegte ebenso auf der „bärig schweren“ Strecke des 1927 eingeweihten Nürburgringes, wo heute noch ein kleiner Streckenabschnitt an ihn erinnert („Caracciola-Karusell“), wie mit Sport- und Rennwagen zwischen 1930 bis 1932 auf den Europa-Bergmeisterschaften. Ein weiterer Meilenstein in seiner Karriere war sein Triumph 1931 auf Mille Miglia, einem Langstrecken-Strassenrennen in Italien, wo zum ersten Mal mit Mercedes ein deutsches Auto siegte.

Bodenständiger Realist gegen himmelstürmender Tausendsassa

Als Rosemeyer im internationalen Grand-Prix-Rennzirkus auftauchte, war Rudolf Caracciola also schon lange etabliert, ja galt als unangefochtener Platzhirsch in der Branche. Am 26. Mai 1935 trafen beide zum ersten Mal beim Großen Preis von Deutschland in einem Rennen aufeinander, schon beim zweiten Kräftemessen wenig später auf dem Nürburgring konnte sich der Newcomer Rosemeyer sensationell den zweiten Platz hinter Caracciola sichern – mit großen Vorsprung vor der Konkurrenz. Von nun an sollten die beiden Deutschen drei Jahre lang den Rennsport beherrschen und einen Zweikampf liefern, die „Titanenkämpfen“ gleichten. Hatte Caracciola 1935 mit fünf Grand-Prix-Siege noch die Nase vor, drehte sich 1936 das Blatt zugunsten von Rosemeyer. 1937 fuhren beide Fahrer je vier Grand-Prix-Siege ein. Bei den Titelgewinnen hatte Caracciola leicht die Nase vorn. Dieser gewann 1935, 1937 und 1938 die Fahrer-Europameisterschaft (vergleichbar mit heutigem Formel-1-Weltmeistschaft), Rosemeyer 1936. In Persönlichkeitsstruktur und Fahrstil unterschieden sich beide Fahrer deutlich. Caracciola fuhr meist taktisch-vorausschauend und blieb bei aller Risikobereitschaft immer auch vorsichtig und gefahrenbewusst. Mehr als einmal hatte er Unfälle nur mit viel Glück überlebt – aber schwere Blessuren davongetragen. 1933 war er in eine Steintreppe gerast und hatte sich das rechte Bein zertrümmert. Seitdem konnte er nur unter Schmerzen fahren, auch wenn er die Verletzung in der Öffentlichkeit immer herunterspielte. Auch im privaten Bereich hatte Rosemeyer schwere Schicksalssschläge zu verkraften. 1934 verunglückte seine Frau bei einem Lawinenabgang tödlich. Der ruhige, eher in sich gekehrte Rheinländer scheute eher die Öffentlichkeit und ließ seine Taten auf der Rennpiste für sich sprechen. Ganz anders Rosemeyer, der unbekümmert und fast immer mit einem Lachen im Gesicht öffentlich auftrat und sichtlich Spaß hatte, im Mittelpunkt zu stehen. Er hatte ein gewinnendes jugendliches Wesen und war Liebling der Klatschpresse, ganz besonders, nachdem er 1936, auf dem Höhepunkt seiner Erfolge, einen anderen Medienstar, die populäre Flugpionierin Elly Beinhorn geheiratet hatte. Die Öffentlichkeit war entzückt von dem sportlichen Traumpaar, insbesondere aber die nationalsozialistische Machtclique, da Beinhorn, aber gerade auch Rosemeyer ihr Propagandaideal des neuen „erwachten Deutschlands“ so perfekt verkörperten: kämpferisch, mutig und erfolgreich zu sein. Wie als Mensch war Rosemeyer auch als Fahrer eher ein unbekümmerter Draufgänger. Er fuhr äußerst riskant, scheute vor keiner gefährlichen Situation zurück. Rosemeyer war 1937 der erste, der beim Eifelrennen die berühmt-berüchtigte Nordschleife in weniger als zehn Minuten durchfuhr. Nie passierte etwas. Er schien ein Glückskind, einfach unverwundbar zu sein. Doch dann kam der 28. Januar 1938, der Tag, der alles veränderte.

Mit 400 km/h in den Tod

An diesem kalten, unwirtlichen Wintertag ging es auf einem Teilabschnitt der neuen „Reichsautobahn“ Frankfurt-Darmstadt, um die Frage, wer das schnellste Auto hat: Mercedes-Benz oder Auto-Union und wer ist der schnellste Fahrer bzw. wer erzielt den Geschwindigkeitsweltrekord, der bisher bei etwa über 400 km/h lag: Caracciola oder Rosemeyer. Caracciola legte am frühen Morgen beeindruckend vor: In seinem stromlinienförmigen Rekordwagen stellte er bereits in seinem Versuch mit 432,692 km/h einen neuen Weltrekord auf der Messtrecke auf. Aber Carracciola hielt die Rahmenbedingungen für einen weiteren Versuch für zu schlecht und entschloss sich aufzuhören. Er ging zum Wagen seines Konkurrenten und warnte ihn persönlich vor gefährlichen Seitenwinden auf der Piste. Nach dem ersten Versuch wurde auch dem Auto-Union-Rennstall die Situation zu heikel, zumal das Auto nur mäßig erprobt war, und die technisch Verantwortlichen rieten Rosemeyer von einer weiteren Fahrt ab. Doch Rosemeyer winkte ab, stieg erneut ins Cockpit und sagte beschwichtigend: „Ich will mich nur noch einmal rantasten“. Es sollten seine letzte Worte sein. An der Waldschneise erfasste das Auto eine starke Windboe und wurde bei einer Geschwindigkeit von etwa 430 km/h von der Piste gedrängt. Der Wagen überschlug sich mehrfach und kam schließlich in dem nebenliegenden Wald zum Stillstand. Rettungskräfte hatten keine Chance. Ob es noch andere Ursachen für den Unfall gab, ist bis heute Gegenstand vieler Spekulationen. Sicher ist: Rosemeyer war auf der Stelle tot.

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Mythos und Heldensaga

Die Nationalsozialisten machten sich die tiefe Bestürzung in der sportbegeisterten Bevölkerung zugute und bauten den toten Rennkönig zum „germanischen Helden“ auf. Rosemeyer war spätestens 1933 – wohl in erster Linie aus Karriere- und nicht aus Glaubensgründen – der SS beigetreten und ohne sein großes Zutun zum Hauptsturmführer befördert worden. Hitler persönlich sprach in einer Erklärung von dem „mutigsten Pionier der Weltgeltung der deutschen Motoren- und Automobilfabrikation“. Jenseits der politischen Vereinnahmung machte der tragische Unfalltod Rosemeyer zu einem sportlichen Mythos, sozusagen zu einem deutschen „James Dean“ des Rennsports. Denkmäler u.a. am Nürburgring und an der Todesstelle neben der Autobahn erinnern heute noch an den rasenden Tausendsassa der 1930er-Jahre. Cariacciola blieb von dem zu dieser Zeit nicht seltenen Schicksal, auf der Rennpiste zu sterben, verschont. Er war der erfolgreichste Rennfahrer Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch wenn Ende der 1930er-Jahre seine Dominanz zu Ende ging. Der Sieg im Großen Preis von Deutschland 1939 war sein letzter großer Triumph. Politisch fühlte sich Caracciola, der 1933 in den „Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps“ (NSKK) eingetreten war, in Deutschland zunehmend unwohl. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges siedelte er in die Schweiz um, wo er fortan seinen Lebensmittelpunkt sah. Sechs Jahre nach der Beantragung wurde er 1952 Schweizer Staatsbürger. Seine Bemühungen, nach dem Krieg wieder im Rennzirkus Fuß zu fassen, scheiterten allesamt. Sowohl in Indinanapolis 1946 als auch 1952 beim Großen Preis der Schweiz verunglückte Caracciola erneut schwer. Nach einem dreifachen Oberschenkelbruch zog sich ’Caratsch`, wie ihn seine Fans nannten, 1952 endgültig aus dem Rennsport zurück. Die ewige Jagd nach dem Sieg und dem Geschwindigkeitsrausch war zu Ende. Caracciola starb am 28. September 1959 im Alter von 58 Jahren. Er ist im schweizerischen Lugano begraben.

Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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