Deutschland-Fans mit Nationalfahnen

Deutschland, einig Fahnenmeer/360b/Shutterstock

Die WM war die denkbar beste Werbung für das neue wiedervereinigte Deutschland: Berauscht vom guten Wetter präsentierten sich die Gastgeber als moderne weltoffene Nation. Und die deutschen Kicker um Schwaben-Siegfried Klinsmann erkannten, dass sie nicht siegen müssen, um zu gewinnen. 

9. Juli 2006, ein traumhafter Sommertag: Auf Deutschlands größter Fanmeile vor dem Brandenburger Tor versammeln sich eine Million Fans in schwarz-rot-goldenen Farben, um ihre Weltmeister zu feiern. Die Weltmeister der Herzen. Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Tim Borwoski, Jens Lehmann und all die anderen neuen Volkshelden. Sie wurden gefeiert, ohne einen Pokal herzeigen zu können. Und das war wirklich neu. Die Mannschaft war im Halbfinale unglücklich gegen Italien rausgeflogen und hatte nach einem 3:1 – Sieg gegen Portugal den dritten Platz in dem Turnier gesichert. Aber die sportliche Platzierung war den Fans eigentlich egal – gewonnen hatten im Traumsommer 2006 alle: die deutsche Mannschaft, die Trainer, die Fans und vor allem auch das Land. Die vier rauschhaften Wochen lieferten den Beweis, dass Deutschland auch gewinnen kann, wenn es nicht siegt. Vor den Augen der Welt schien sich Deutschland neu erfunden zu haben.

Die Deutschen lernen Selbstironie

Denn die WM brachte das unkaputtbar geglaubte Klischee vom perfekten, humorlosen Deutschen ins Wanken. Umfragen belegen, dass das Ansehen der Deutschen seit 2006 sprunghaft gestiegen ist. Neben den alten Stereotypen wie Effektivität oder Organisationsfähigkeit traten bisher gänzlich unbekannte Eigenschaften der Deutschen hervor: Lässigkeit und Heiterkeit. Berauscht von gutem Wetter präsentierte sich Deutschland der Welt als weltoffene und multikulturelle Nation, die Gastfreundlichkeit „mit mediterranem Frohsinn und unverklemmtem, weltoffenem Patriotismus“ verband ( SPIEGEL ). Die Deutschen verbanden das Fiebern für ihre Mannschaft mit einem selbstironischen Augenzwinkern („Schland“). Sie mochten sich in diesen Tagen, und das mochte auch die Welt.

Der liebe Gott und der Franz

„Es hat alles gepasst. Bei den Fanfesten haben unterschiedliche Rassen, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Religionen nebeneinander gestanden. So stellt sich der liebe Gott die Welt vor, auch wenn wir in der Realität noch 100.000 Jahre davon entfernt sind”, formulierte es Franz Beckenbauer in seiner unnachahmlichen Art und Weise. Der Kaiser höchstpersönlich war als Chef des WM-Organisationskomitees Aushängeschild der WM. Die deutsche Lichtgestalt hatte auch im Jahr 2000 der Legende nach wesentlich dafür gesorgt, dass die Fifa die Austragung der WM Deutschland übertrug. Ob dabei auch viel Geld wesentlich half, interessierte damals noch keinen.

Spielerisch bescheidenes Niveau

Das glanzvolle Ambiente der Fußball-WM überstrahlte letztlich auch das eher mäßige spielerische Niveau der WM. Defensive und taktisches Sicherheitsdenken war Trumpf. Es wurde vor allem gerannt und gekämpft. Selten setzten die Spiele spielerische Glanzlichter. Es fielen wenig Tore und viele Ausscheidungsspiele wurden erst in der Verlängerung oder im Elfmeterschießen entschieden. Spannung statt Klasse  also. Aber die Form war, wie gesagt, bei dieser WM wichtiger als der Inhalt. Zumindest für die Deutschen.

Zinedine Zidane und der Kopfstoß von Berlin

Es war deshalb, wenn man ein bisschen böse sein will, nur folgerichtig, dass Italien in Deutschland Weltmeister wurde. Eine exzellent organisierte, aber inspirationslose Elf gewann das Finale im Berliner Olympiastadion gegen Frankreich 5:3 nach Elfmeterschießen. Was aber eigentlich im Gedächtnis blieb von diesem Finale war der dramatische Abgang eines der besten Fußballer aller Zeiten: Zinedine Zidane, Weltmeister von 1998 und Spiritus rector der Franzosen. Statt sich in seinem Abschiedsspiel zum zweiten Mal die Fußballkrone aufsetzen zu lassen, ließ er sich zu einer Tätlichkeit hinreissen, die so noch nie auf großer Bühne zu sehen war. Nach einer üblen Beschimpfung in seiner Familienehre gekränkt („Ich bevorzuge deine Schwester, die Nutte“), rammte Zidane mit Anlauf den Kopf in den Bauch seines Gegenspielers Marco Materazzi und streckte ihn so nieder. Die ganze Fußballwelt war fassungslos. Die unglaubliche Szene ist inzwischen auch verewigt worden. Seit September 2012 zeigt eine Bronzestatue vor dem Pariser Kulturzentrum Centre Pompidou die Kopfstoßszene.

Zidane und Materazzi

Der Kopfstoß hat es in die Kunstwelt geschafft.

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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