Oliver Kahn

Oliver Kahn überlebensgroß am Münchner Flughafen. Stadtneurotiker,ccc

WM der Premieren: Erstmals fand das Turnier in Asien statt, dazu teilten sich zwei Länder die Ausrichtung: Japan und Südkorea. Und erstmals prägte ein Torwart so deutlich ein WM-Turnier – um am Ende  titanenhaft zu scheitern. Sein Name war Oliver Kahn.

Die Skepsis war groß im Vorfeld gewesen. Zwei Länder ohne große Fußballtradition als Austragungsorte und politisch ohne viel Sympathie füreinander. Aber mit Geld sollten alle Gräben zugeschüttet werden. Milliarden wurden investiert. Und das Experiment klappte, die Fußballeuphorie schwappte nach Asien über: Alle hatten sich lieb und die Stadien waren voll.

Die Kleinen rückten ins Rampenlicht

Wesentlich zur WM-Hysterie trug das überraschend gute Ausscheiden der beiden Gastgeberländer bei. Japan wurde vor Russland Gruppenerster, noch besser die Südkoreaner: Vom Publikum getragen schlugen sie in den K.o.-Spielen Italien und Spanien – am Ende stand sensationell Platz vier. Das war keine Ausnahme: Es war ein Turnier, das die Hierarchie im Weltfußball heftig durcheinander wirbelte. Die scheinbar Kleinen stellten die Großmächte in ihren Schatten. (Die USA kam bis ins Viertelfinale, die Türkei spielte sich bis ins Halbfinale). Dafür mussten die Fußballgroßmächte Argentinien und Frankreich schon in der Vorrunde die Segeln streichen. Besonders blamabel der Titelverteidiger: Ohne ein einziges Tor ging es in die Heimat.

Wie beruhigend, dass wenigstens ein ehernes Fußballgesetz noch galt: Die Deutschen stehen im Finale und keiner weiß eigentlich so recht warum. Ohne viel Hoffnung war Rudi Völlers Rumpeltruppe nach Asien aufgebrochen, doch dann war es fast alles wie immer: spielerisch glanzlos, aber willensstark mogelte man sich so durch und spielte nach drei 1:0-Siegen in den K.O.-Spielen plötzlich wieder um den goldenen Pokal. Die siebte Finalteilnahme – ein stolzer Rekord.

Oliver Kahn wird zum „Titan“

Doch einen Unterschied gab es: Nicht nur einer geschlossenen Mannschaftsleistung, sondern vor allem einem Spieler war der wunderliche Erfolg zu verdanken: Oliver Kahn, dem Tausendsassa im Tor, dem „Überirdischen“. Er wuchs in Asien erneut über sich hinaus und wehrte auch objektiv unhaltbare Torschüsse noch ab. Doch wie es die Tragödie halt so will: Ausgerechnet im Finale gegen Brasilien patzte der „Überirdische“; die Deutschen hatten ihr bisher bestes Spiel bei der WM abgeliefert, sogar die besseren Chancen besessen. Doch in der 67. Minute hielt Kahn einen Schuss von Rivaldo nicht fest und Ronaldo staubte eiskalt zum vor entscheidenden 1:0 ab.
Nach dem Spiel – Brasilien war verdient zum fünften Mal Weltmeister geworden – blieb Kahn apathisch vor dem Pfosten sitzen. Er war zum tragischen Held der WM geworden. Doch sein Patzer kratzte kaum am „Titan-Mythos“. Er galt von 2002 an endgültig als Übertorwart, der aller Welt Respekt einflößte. Nur dem neuen Bundestrainer Klinsmann nicht: Ausgerechnet vor der Heim-WM 2006 stürzte er das deutsche Torwartdenkmal vom Sockel und ernannte Jens Lehmann zur neuen Nummer Eins.

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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