Blumfeld "L'Etat et moi" feiert 20-jähriges Jubiläum

Blumfeld „L’Etat et moi“ feiert 20-jähriges Jubiläum

„Ich-Maschine“ und „L’Etat et moi“: Blumfeld revolutionierte Anfang der 1990er-Jahre den Deutschrock. Die Band um Jochen Distelmeyer und Co. brachte der deutschen Popmusik das Denken neu bei. Wer leistet das heute? Fast eine Liebeserklärung.


Blumfeld war immer vieles: Liebling der Feuilletonisten, die sich wegen der Zitatencollagen und verquirlten Wortspiele mehr als einmal ihren klugen Kopf zerbrachen, Begründer des deutschen Diskurspops, Oberhaupt der verfluchten, geliebten, zu Tod zitierten „Hamburger Schule“ . Ein Begriff, den Blumfeld nie anerkannte. Nicht zuletzt aber war sie in meinen Studentenjahren aber eins: meine Band.

Seit den Anfängen begleitete das vormalige Quartett um Jochen Distelmeyer mich, meine Zweifel und meine Fragen an die Welt. Das Rätsel der Liebe, der verzweifelte Freiheitskampf des Einzelnen gegen gesellschaftliche Windmühlen, die Suche nach Sinn in einer materialistisch-oberflächlichen, entspiritualisierten Welt: Die ewig-gleichen Themen, auf die Blumfeld im politischen Bewusstsein der jeweiligen Zeit stets unterschiedliche musikalische Antworten fand.

Wo ich nicht war – komm ich nicht hin

Sei es das hermetische Meisterwerk „L’Etat et moi“ oder das schlagerähnliche Album „Old Nobody“: Immer wieder schaffte es Blumfeld, ein sagenhaftes Assoziations- und Zitatengewitter über einen niedergehen zu lassen, das bei jedem Zuhören und je nach Stimmung neue Interpretationen erlaubte. Dabei war Blumfeld immer tiefgründig, emotional, ja die Band erfand für mich eine Form der Wahrhaftigkeit, wie sie vielleicht nur Musik ermöglicht . Alles begann 1992 mit der „Ich-Maschine“, ihrem Debütalbum. „Ein Lied mehr, das Dich festhält und nicht dahin lässt, wo Du hinwillst/weg von hier/ein falscher Freund mehr, der nicht locker lässt/bis Du einer von Ihnen bist/und wieder nur alles geordnet ist: Laut, rebellisch und punkig klang da Blumfeld noch. Genau richtig für einen jungen Twen, der auf alkoholgeschwängerten Studentenpartys die wilde Freiheit in der Pose des ganz Anderssein einforderte, damit es nicht, „weil es immer so war, so bleibt“.

Politik und Individuum

Der aber schon erkannte, dass die eigentlichen Fragen des Glücks sich im zwischenmenschlichen Bereich entscheiden. „Sind zwei zuviel, um frei zu sein? Oder brauch ich Dich, um ich zu sein?“.  Blumfeld verstand es schon auf der „Ich-Maschine“ auf geniale Weise in ihren Songs die Suche nach privatem Glück mit dem Ziel der politischen Emanzipation zu verbinden. Bei Distelmeyer & Co. war das Private immer politisch, und das Politische immer auch privat zu finden. Das Erbe der 68er wurde bei den Hamburgern musikalisch fortgeführt. Aber in einem Sinne, der den veränderten Umständen Rechnung trägt. Und das war revolutionär.

Die Erbschaft

In ihrer Art blieben Blumfeld einzigartig, beeinflussten aber maßgeblich fast alle deutschen Bands nach ihr. Was Fehlfarben für den linken Deutschrock im klaren politischen Koordinatensystem  des Kalten Kriegs war, war Blumfeld für die postideologischen Verunsicherung der 1990er-Jahre: der Versuch, die Bedürfnisse des Einzelnen in Einklang mit der Gesellschaft zu bringen, dem Individuum eine authentische musikalische Stimme zu geben. Dass sich diese Stimme nur in Deutsch ausdrücken konnte, war klar.  Blumfelds Ausdruck konnte genauso nicht anders als deutsch sein, so wie Blumfelds Ausrichtung immer global war und jede nationale Grenze ignorierte. Differenzierter Ausdruck von Gefühlen, gerade wenn er intellektuell ist, ist nur in der Muttersprache möglich.

Blumfelds Sprache mit ihrer oft so offensichtlichen Zweideutigkeit und Unklarheit war dabei auch der Versuch, die Bedeutungshorizonte des Deutschen zu erweitern. Dies gilt vor allem für die frühe Zeit von Blumfeld. Denn gerade in den letzten beiden Alben setzte Diestelmeyer quasi  kontradiktatorisch auf die Eindeutigkeit, um sich aus dem von außen an sie herangetragenen Korsett zu befreien. Um Freiheit vor allem ging und geht es in der Rockmusik immer, auch bei Blumfeld. Und diese Freiheit ist immer nur im Aufstand gegen die Klischees und die Typologisierungen zu spüren, von denen sich auch Blumfeld nolens volens umzingelt sah.

Die blumfeldtypische Mischung aus Sprachakrobatik, gesellschaftliche Hellhörigkeit und radikale Individualität findet sich heute vielleicht noch am ehesten in der ruhrpottischen, dadaistischen Elektropopboehme-Kombo Susanne Blech wieder. Wo Blumfeld allerdings noch deutsche Strenge und Unnahbarkeit ausstrahlte, wenn sich Diestelmeyer auch immer als Rock’n Roller verstand, vermitteln Musik und Auftreten der Mannen um Sänger Timon Karl Kaleyta Spaß und Emotionen. Der zeitgenössische Zustand ist definitiv tanzbarer. So scheint es.

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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