Christoph Marx

Redaktion, Lektorat, Wissenschaft, Geschichte, Medien und Sport aus Berlin

Hannah Arendt – Eine Kurzbiografie

Briefmarke Hannah Arendt

Briefmarke Hannah Arendt, gemeinfrei

 „Denken ohne Geländer“ nannte Arendt ihre geistige Arbeit, die sich in keine Schublade einordnen lässt. Eine kurze Skizze der wohl wichtigsten politischen Denkerin des 20. Jahrhunderts. 

Hannah Arendt war eine Frau. Das ist innerhalb der akademisch-politischen Männerwelt, in der sie sich zeit Ihres Lebens bewegte, tatsächlich immer eine Nachricht gewesen. Auch wenn Arendt alles andere als eine klassische Frauenrechtlerin war, war sie sich ihrer Sonderrolle in ihrem Fach, der politischen Theorie, immer bewusst. Die Männerwelt hat sie mit emanzipatorischem Selbstbewusstsein, ja teils auch mit spöttischer Ironie betrachtet. “ Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selbst wirken? Nein, ich will verstehen“, sagte sie in dem berühmten Fernsehinterview von 1964 mit Günter Gaus. Es ist unten verlinkt.

Das intellektuelle Ausnahmetalent

Wirkung auf die Außenwelt hatte Arendt ihr ganzes Leben ausgeübt. Sie war von klein auf eine intellektuelle Ausnahmebegabung. Wie selbstverständlich debattierte bereits die Studentin Arendt mit ihrem akademischen Mentor Martin Heidegger auf gleicher Augenhöhe. Dieser war schon damals eine Ikone, an ihm rieb sie sich politisch sowie akademisch lebenslang und mit ihm unterhielt sie auch privat – zumindest zeitweise – eine enge Beziehung. Schon in der Schulzeit unterschieden sich Arendts Interessen erheblich von denen ihrer Altersgenossen: So las sie mit 14 Jahren Kant und griechische Poesie – in der Originalsprache. Aber der wichtigste Unterschied war ihre Religionszugehörigkeit: Sie war Jüdin. „Ich wusste als Kind, dass ich jüdisch aussehe“, bekannte Arendt in dem genannten Interview. Eine Tatsache, weswegen sie „keine Minderwertigkeit empfunden“ hat, die aber ihr ganzes Leben bestimmte, wie es für alle Juden im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er-Jahren galt.

Denken nach dem Zivilisationsbruch

Bereits im Jahr der „Machtergreifung“ floh Arendt aus Berlin und kämpfte in den 1930er-Jahren in noch nicht besetzten Ländern Europas aktiv gegen das Regime. Sie trat der zionistische Bewegung bei und versuchte, Juden praktisch zu helfen. Zeitweise organisierte sie die Auswanderung jüdischer Flüchtlinge nach Palästina. 1939 wurde ihr die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. 1940 reiste sie von Paris in die sicheren USA und erfuhr dort von dem Schrecken von Auschwitz, einem Wissen, das sie fundamental verstörte. „Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Dies hätte nie geschehen dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter – Dies hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden“, bekannte sie 1964 gegenüber Gaus. Die theoretische Auseinandersetzung, wie es zu diesem radikalen Traditionsbruch kommen konnte, wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg zum zentralen Erkenntnisinteresse ihrer akademischen wie publizistischen Arbeit. Arendts Hauptwerke richteten ihren Blick auf die wesentlichen Bestandteile des Totalitarismus bzw. auf die anthropologischen und historischen Voraussetzungen, die ihn überhaupt erst ermöglichten. Arendt sah in der Verlassenheit des isolierten Individuums in der modernen Massengesellschaft die Bedingung für die Entstehung von totaler Herrschaftssysteme wie dem Nationalsozialismus und Stalinismus . Totalitäre Systeme verfolgen den Anspruch, den Menschen vollständig zu beherrschen und zum bloßen Material für die Exekution einer vorgeblich geschichtlich notwendigen Entwicklung zu degradieren. Das eigentliche Wesen jeder totalen Herrschaft sei deswegen das Konzentrationslager, das den einzelnen Menschen vernichten und seiner eigentlichen Menschlichkeit berauben wolle.

Intellektuelle Heimatlose

Richtig heimisch ist Arendt nach eigenen Angaben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr geworden. Zu Deutschland entwickelte sie trotz diverser Auszeichnungen ein distanziertes Verhältnis, in ihrer Wahlheimat USA verlor sie nie die Distanz zur fremden englischen Sprache. Heimat war für Arendt aber immer auch eine mentale Kategorie und damit global gültig. „Ich will verstehen“, sagte sie Gaus, „und wenn andere Menschen verstehen – im selben Sinne, wie ich verstanden habe -, dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatgefühl“.

[stextbox id=“info“] Literaturhinweise:
Hannah Arendt, Denken ohne Geländer – Texte und Briefe,  Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006.
Hannah Arendt, Ich will verstehen – Selbstauskünfte zu Leben und Werk, Piper: München 1996. [/stextbox]

Print This Post  Email This Post Email This Post

Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

    Find more about me on:
  • googleplus
  • facebook
  • linkedin
  • twitter

1 Comment

  1. Vielen Dank für diese historische Kostbarkeit : das Interview Günter Gaus mit Hannah Arendt. Ihre gedankliche Klarheit ist einfach ein Genuß und sehr schön, sie selbst zu hören und zu erleben.
    Brigitte Schumacher

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

*

© 2017 Christoph Marx

Theme by Anders NorenUp ↑