Hagia Sophia, Istanbul

Ewige Schönheit in einer faszinierenden Metropole: Hagia Sophia in Istanbul

Es ist die schönste Stadt der Welt, schwärmten so unterschiedliche Persönlichkeiten wie der Naturforscher Alexander von Humboldt und 007-Erfinder Ian Fleming. Und sie ist so widersprüchlich, wie es der Mythos will. Und auch wieder nicht. Istanbul – eine Anschauung. Mit Bildergalerie

Galatabrücke Istanbul

Galatabrücke Istanbul/Dieter Titz, cc-Lizenz

Dann stand ich plötzlich tatsächlich auf ihr, der berühmten Galata-Brücke in Istanbul, die den jungen zukunftsorientierten Stadtteil Beyoğlu mit Eminönü verbindet, wo die altehrwürdigen Sakralbauten von der glorreichen Vergangenheit zeugen. Da stand ich inmitten des Lärms der Straßenhändler und der Armada von Anglern und guckte auf den Strom von Schiffen, Booten und Bötchen vor mir auf dem Bosporus.  Hier pulsierte sie also, die Stadt mit den vielen tausend malerischen und hymnischen Beinamen: die vielgerühmte schöne alte Dame am Goldenen Horn, die zu Tode zitierte Brücke zwischen Morgen- und Abendland, das New York des 21. Jahrhunderts . Byzanz, Konstantinopel und eben Istanbul – auch wenn der Muezzin eindeutig den Ton angibt, hier ist noch alles da: die prachtvollen Kathedralen und Klosterkirchen neben- und auch gegeneinander die Paläste der Sultane und die prachtvollen Moscheen. Hier ist das große Gegeneinander, das das Miteinander übt: das Christentum und der Islam, Asien und Europa, und vor allem auch Dorf und Stadt, die tief verschleierte Tradition gegen die Weltoffenheit, die Hochhäuser von Şişli gegen den Muff von Ümraniye, der Lärm des Molochs gegen die Stille der Prinzeninseln. All das ist Istanbul. Und doch nicht.

Fotogalerie: Copyright: Christoph Marx

Hagia Sophia und Blaue Moschee

Das traditonelle Herz Istanbuls schlägt in Sultanahmet, im historischen Dreieck aus Hagia Sophia, der Blauen Moschee und dem alten Sultanpalast. Besonderen Zauber verbreitet für mich die „heilige Weisheit“, das Hauptheiligtum der christlichen Orthodoxie, nach dem Fall Konstantinopels 1453 zur Moschee umgebaut, dann von Atatürk zum Museum erklärt. Obwohl von den Massen schier tot besichtigt und zur Zeit meiner Anwesenheit leider zu über die Hälfte in Bauzäunen verhüllt, strahlte die Sophia immer noch die respektvolle Würde eines einzigartigen Sakralraums aus, mit imposanten Licht- und Schattenspielen und dem Hauch der Ewigkeit, die so gut zu Sean Connery passte, als dieser hier in „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963) für den Westen die Strippen zog.
Der neue Hausherr im Reich der Gottheiten wacht direkt gegenüber der Sophia, deren Innenfarbe der imposanten Sakralbau den Spitznamen gibt: die Blaue Moschee, eigentlich Sultan Ahmet Camii. Im Inneren einen überwältigen Raumeindruck vermittelnd – Weite und Transparenz in der prachtvollen Kuppel sinnbildlich eingefangen.

Beyoğlu und die Moderne

Der kapitalistische Konsumismus und die kreative Innovationsklasse haben sich in Beyoğlu angesiedelt, dort, wo früher sich schon die europäischen Händler aus Genua und anderswo niederließen und bis heute der Geschmack der großen, freien Welt zu riechen ist bzw. gerochen werden soll. Laut sich und das Leben feiernd in den Gässchen um den Galataturm hinauf mit der historischen Straßenbahn durch die Fußgängerzone Istiklal Caddesi zum Taksim-Platz, der groß ist, mir aber vor allem durch seine betonhaftige Eintönigkeit im Gedächtnis bleibt. Auch der Gezi-Park lebt mehr von seiner neuen politischen Symbolik als von seiner doch recht irdischen Substanz.

Klischee und Wirklichkeit
Von den brisanten innenpolitischen Spannungen war nur an der auf der Istiklal verstärkten Polizeipräsenz etwas zu spüren. Ansonsten wirkte das Leben so leicht und locker, wie man sich das als verklemmter Kontinentaleuropäer so vorstellt. Oder sehe ich nur das, was ich mir ohnehin vorstelle? Das Klischee. Auffällig sind sie schon, die enorme Anzahl an türkischen Flaggen, die einen national ernüchternden Deutschen amüsiert und irritiert. Und so herrlich berührend-romantisch auch der Augenblick, wenn auf einer Fähre wirklich fast alle aus einer eher peinlichen Verkaufspräsentation eines Händlers eine gemeinsame Unterhaltungssendung machen, klatschen und johlen und Lieder anstimmen. Und dabei wirklich alle mitmachen – Männer, Frauen, die T-Shirt-Tragenden, die Halbverschleierten, die Vollverschleierten – außer die Handvoll Touristen, die man gerade daran erkennt, dass sie nicht mitmachen. Genauso schön wie die Momente, wo genau das Ungedachte passiert. Dass es nämlich Orte gibt, wo die für perfekt gehaltene Symbiose zwischen motorisiertem Fahrzeug und Türken ad absurdum geführt wird. Auf Büyük Ada, der größten der vor Istanbul gelegenen Prinzeninseln, dürfen Autos nicht fahren. Nur die Fortbewegung per pedes oder mit Fahrrädern und Kutschen ist erlaubt. Auf einem der zahlreichen Hügeln, wo sonst nur die Pferde nach Schatten suchen, kann ich eine Ruhe genießen wie in Deutschland wohl nur auf Hiddensee. Und auftanken, um eine Stunde später wieder in das Chaos und Unordnung der unübersichtlichen Stadt einzutauchen. Auch das ist Istanbul.

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Der Münchner Christoph Marx ist Publizist und Lektor und lebt in Berlin. Er arbeitet als Autor und Redakteur für viele namhafte Verlage und veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.Referenzliste unter Autor und Redakteur/Lektor.

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